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| Kran, Schöneberger Linse, 2019 |
Begegnungen mit Autor·innen aus Lateinamerika // Encuentros con autor@s de Latinoamérica
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Freitag, 26. April 2019
Topografien des Künftigen
Samstag, 15. Dezember 2018
Neues Buch, jenseits der mittelalterlichen Stadtmauer
2018 rauschte nur so an mir vorbei (wobei ich gar nicht so genau weiß womit ... achja, ich machte mehrere Reisen (nach Extremadura, Madrid, Wien, Lanzarote, Leipzig, Frankfurt, Hamburg, Frankfurt/Oder, La Paz, Galicien...) und erfuhr dabei spannende Begegnungen, aber es sind dabei keine neuen Übersetzungen in Buchform entstanden ... außer einer Anthologie in Bolivien, davon berichte ich Euch im nächsten Post, wenn das Paket mit den Belegexemplaren, die ich den DichterInnen freudig überbringe, endlich ankommt ... Doch es gibt dennoch etwas zu feiern. Ich habe Ende dieses Jahr endlich einen neuen Gedichtband veröffentlicht: "extra muros. poemas públicos", erschienen in Madrid und Bilbao, die ersten Skizzen dafür sind sicher sieben, acht Jahre alt (inspiriert in den Gedichten von Cecilia Pavón, Fernanda Laguna und anderen) ... Dank an Juanje Saenz, Roberto Córdoba, Ethel Barja, Jorge Locane und Julián Herbert, die verschiedene Versionen dieser Gedichte vor dem Druck gelesen und kommentiert haben ...
Hier nun der offizielle Pressetext:
EXTRA MUROS - TIMO BERGER
Die Stadt ist kein Spaziergang
Timo Bergers Gedichte nehmen immer wieder das Thema der Großstadt auf. Waren es in "A cien cuadras del centro" (San Jose, 2011) und "Microclimas"(Bahía Blanca, 2014) periphere Metropolen wie Buenos Aires und Lima, so widmet sich sein gerade erschienenes Buch "extra muros. poemas públicos"(Madrid, L.U.P.I. & Zoográfico, 2019) der Stadt Berlin. Diese “öffentlichen Gedichte” pendeln zwischen dem urbanen Außenraum und dem inneren Reflektionsraum des Subjekts. Verkehrsbewegungen, Straßenschilder, Begegnungen, historische Spuren irritieren im besten Sinne des Wortes unfokussierten Beobachter und skizzieren eine Poetik der verlorenen Kontingenz im Zeitalter der tief in unsere intimsten Sphären eindringenden Algorithmen. Der Titel “extra muros” verweist auch auf den Entstehungsort dieser Gedichte: Geschrieben im hastigen, rastlosen, unsteten Gehen, fern der Eleganz eines Flaneurs in den schmucklosen Vierteln außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer, die einst Verhikel einer Modernisierung und Expansion Berlins waren und sich heute in von Anonymarchitektur geprägten Durchgangsorte einer sich beschleunigenden Kapitalbewegung verwandelt haben. DIe Gedichte wurde auf Spanisch verfasst, auf Lesungen in Deutschland werden sie durch eine “Live-Übersetzung” ins Deutsche geführt - auch dank der Übersetzerarbeit einiger FreundInnen des Autors.
Bestellt werden kann das Buch direkt beim Verlag in Spanien.
Einen ersten Eindruck von dem Buch kann man hier gewinnen.
Hier nun der offizielle Pressetext:
EXTRA MUROS - TIMO BERGER
Die Stadt ist kein Spaziergang
Timo Bergers Gedichte nehmen immer wieder das Thema der Großstadt auf. Waren es in "A cien cuadras del centro" (San Jose, 2011) und "Microclimas"(Bahía Blanca, 2014) periphere Metropolen wie Buenos Aires und Lima, so widmet sich sein gerade erschienenes Buch "extra muros. poemas públicos"(Madrid, L.U.P.I. & Zoográfico, 2019) der Stadt Berlin. Diese “öffentlichen Gedichte” pendeln zwischen dem urbanen Außenraum und dem inneren Reflektionsraum des Subjekts. Verkehrsbewegungen, Straßenschilder, Begegnungen, historische Spuren irritieren im besten Sinne des Wortes unfokussierten Beobachter und skizzieren eine Poetik der verlorenen Kontingenz im Zeitalter der tief in unsere intimsten Sphären eindringenden Algorithmen. Der Titel “extra muros” verweist auch auf den Entstehungsort dieser Gedichte: Geschrieben im hastigen, rastlosen, unsteten Gehen, fern der Eleganz eines Flaneurs in den schmucklosen Vierteln außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer, die einst Verhikel einer Modernisierung und Expansion Berlins waren und sich heute in von Anonymarchitektur geprägten Durchgangsorte einer sich beschleunigenden Kapitalbewegung verwandelt haben. DIe Gedichte wurde auf Spanisch verfasst, auf Lesungen in Deutschland werden sie durch eine “Live-Übersetzung” ins Deutsche geführt - auch dank der Übersetzerarbeit einiger FreundInnen des Autors.
Bestellt werden kann das Buch direkt beim Verlag in Spanien.
Einen ersten Eindruck von dem Buch kann man hier gewinnen.
Mittwoch, 23. August 2017
Neue Bücher / Nuevos libros
Vielleicht mein liebstes Projekt dieses Jahr. Luis war von Anfang 2015 bis Anfang 2016 in Berlin als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAADs - mit der ganzen Familie. Es lagen ja schon Übersetzungen vor - für die Latinale und für hochroth - aber als Luis in der Stadt war, entfaltete sich eine weitere Dynamik: Er wurde zu ungezählten Lesungen eingeladen. Bei einer, in Haussach im Schwarzwald traf er dann auf seinen künftigen Verleger, Hans Schiler. Der hatte schon Bücher der Latinale-Autorin der ersten Stunde Rocío Cerón verlegt. Peter Holland half, das Projekt abzurunden, den ein oder anderen Text, in den wir uns aus unerklärlichen Gründen verliebt hatten, doch außen vor zu lassen, und die Übersetzungen noch einmal im Lichte der Gesamtauswahl zu überarbeiten. Die Anthologie schließt für mich einen Zyklus ab, der damit begonnen hatte, Luis in Buenos Aires kennenzulernen. Eigentlich weiß ich gar nicht mehr so genau, wann wir Freundschaft schlossen - aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Wir konnten es jedenfalls Mitte Februar in der Lettrétage vorstellen.*
Mit Martín Gambarotta (und zwei anderen Dichter*innen: Cecilia Pavón und Ezequiel Zaidenwerg) bin ich 2009 im Auftrag des Goethe Instituts Buenos Aires zu einer mobilen Schreibwerkstatt aufgebrochen. Mein Vorschlag war, die Gründungsnarrative Argentiniens neu zu beleuchten. Ein Buch, das zu den Klassikern des südamerikanischem Landes zählt, ist "El Matadero" (Der Schlachthof) von Esteban Echeverría. Argentinien war seinerzeit ein bedeutender Fleischproduzent. Doch als wir auf den Laufwegen über dem ehemaligen Schlachthof standen, wo bis heute Kühe am frühen Morgen meistbietend versteigert werden - aber nicht mehr getötet (das passiert nun in Schlächtereien in der Provinz Buenos Aires) fühlten wir uns kurzzeitig an ein Konzentrationslager erinnert. Wir schluckten. Sahen unter uns einen Gabelstapler der eine Kuh, die im Gemenge gefallen und umgeknickt war, hinausbeförderte. Eine Pseudokuh, die es nicht schaffen wird in den wahren Schlachthof, die auf halber Strecke verendet. Während Cecilia Pavón ein Langgedicht aus der Erfahrung schöpfte, sagte mir Martín schon im Café in Mataderos, wo wir uns stärkten, er würde allenfalls ein, zwei Motive, Splitter finden. Um mir später zu mailen, er habe zwei Verse geschrieben, um ein längeres Gedicht zu beenden. Immerhin etwas. "Pseudo", erschienen jüngst bei brueterich press, ist ein Langgedicht in Fragmenten, sprach- und geschichtskritisch. Im September ist Martín Gambarotta dank des Argentinischen Außenministeriums in Berlin und wird den Band am 15. im Literaturhaus, am 23. im Café Plum und am 19. in Hamburg im Chile-Haus vorstellen.
*
Sergio Raimondis Band "Poesía Civil" wiederzuveröffentlichen, war mir ein Herzensangelegenheit, nachdem das Buch, zuerst erschienen 2005 bei wvb, vergriffen war. Peter Holland ermunterte mich weitere Gedichter des Originalbands ins Deutsche zu übersetzen und die bereits bestehenden Versionen zu überarbeiten. Sein Wechsel von hochroth zu Reinecke & Voss gab dem Wunsch meine allerersten in Buchform erschienen Übersetzungen nochmal "anzufassen" eine Perspektive. Wir trafen uns in Cafés und Kneipen und Schöneberg und Friedenau und steckten die Köpfe zusammen - ein Jahr lang. Und am Ende ludt das Haus für Poesie Sergio Raimondi zum Poesiefestival Berlin ein und erlaubte im Nachgang eine Tournee, auf der wir die erweiterte Neuausgabe in Frankfurt, Stuttgart, Osnabrück und Wien vorstellen konnten. Sergio bekam einen ersten Eindruck von der deutschen Provinz - er selbst stammt ja nicht aus Buenos Aires, sondern aus der Hafenstadt Bahía Blanca, am Atlantik gelegen. Sergio mochte seltsamerweise das zerbombte und wiederaufgebaute Stuttgart, den Ausflug nach Österreich. Er wird bald - 2018 - Gelegenheit haben, noch mehr durch Mitteleuropa zu reisen. Das Berliner Künstlerprogramm des DAAD hat ihn für ein Jahr nach Berlin eingeladen.
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Donnerstag, 8. Juni 2017
"Ich werde für ein paar Jahre aufhören"
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| César Aira, 2012. Foto: Timo Berger |
Herr
Aira, Ihr gerade auf Deutsch erschienen Essayband „Duchamps in
Mexiko“ beginnt damit, dass Sie sich darüber ärgern, in
Mexiko-Stadt in eine Touristenfalle geraten zu sein. Man bekommt den
Eindruck, dass Sie nicht gerne reisen?
Wenn
ich reise, dann hasse ich den Ort, an dem ich bin und will so schnell
wie möglich wieder in den Flieger steigen. Die Reise nach Mexiko
hatte mich sehr deprimiert, und um die Traurigkeit zu zu überwinden,
habe ich getan, was ich dann immer tue: Bücher kaufen. Es war ein
Buch über Marcel Duchamp. Am nächsten Tag sah ich dasselbe Buch in
einem anderen Laden, aber zwei Peso billiger. Ich dachte, hätte ich
dieses Exemplar gekauft, hätte ich jetzt zwei Peso mehr und würde
ich noch ein anderes, drei Peso billigeres Exemplar kaufen, dann
hätte ich insgesamt schon 5 Peso gespart, und fände ich immer mehr,
immer billigere Bücher, dann wäre ich irgendwann reich. Solche
seltsame Ideen kommen mir!
Mit
dieser Idee haben Sie dann den Essay „Duchamp in Mexiko“
geschrieben, der einer trügerischen Logik folgt, ähnlich wie die,
die dem Paradoxon von Achilles und der Schildkröte zu grundeliegt.
Ich
spiele gerne mit dem Unendlichen, mit unendlichen Reihen. Das habe
ich von Borges.
Und
warum interessieren Sie sich ausgerechnet für Duchamp?
Duchamp
gehörte zu den ersten Dingen, die in mir große Neugier weckten. Er
ist rätselhaft, sein Werk unendlich interpretierbar. Eines der
ersten Bücher, das ich mir kaufte, als ich mit 18 aus Coronel
Pringles zum Studieren nach Buenos Aires ging, war eine Sammlung
seiner Schriften unter dem Titel „Marchamp Ducel“, ein Wortspiel
mit seinem Namen. Von da an wurde mir Duchamps zu einer Gewohnheit,
einem Hobby. An die hundert Bücher über ihn habe ich zu Hause.
Einmal hat er ein sehr spezielles Selbstproträt aufgenommen. Von
vorne, aber das Gesicht nach unten geneigt, er sieht fast aus wie ein
Totenschädel. Er gab ihm den Titel „Duchamp at the age of 85
years“. Ich habe ein Buch, das nur von diesem Foto handelt. Wenn
Duchamps genossen hat, dann findet sich ein Buch über das Niesen von
Duchamp. Mir wird nie Material fehlen für mein Hobby.
Duchamp
hat mit seiner Idee des Readymades die westliche Kunst revolutioniert
…
Er war
der Vater von dem, was wir heute zeitgenössische Kunst nennen, der
Concep Art. Er hat alles gemacht, hat sich in Frauenkleidern
fotografiert, Performance aufgeführt. Parfum kreiert. Er hat sich
permanent verändert – eine Eigenschaft, die mir an Künstlern
gefällt: Immer wieder hat er einen neuen Weg eingeschlagen. Ich
wünschte, meine Bücher wären ebenso.
Das
zweite Buch, der von Ihnen gerade in Deutschland in einer
Neuübersetzung erschienen ist, „Eine Episode im Leben des
Reisemalers“ handelt ebenfalls von einem Künstler: Moritz
Rugendas, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Südamerika
bereiste und Land und Leute in beeindruckenden Tableaus festhielt.
Was fasziniert Sie an der Figur des Rugendas?
Der
erste Satz meines Buchs lautet: „Es hat im Westen nur wenige
wirklich gute Reisemaler gegeben.“ Das spielt auf den Osten an, auf
Japaner und Chinesen, wo es wirklich gute Reisemaler gegeben hat. Im
Westen arbeiteten die meisten Künstler im Atelier. Anders Rugendas:
Er unternahm seine erste Reise nach Südamerika im Alter von 19, 20
als Zeichner einer von Georg Heinrich von Langsdorf angeführten
Expedition nach Brasilien. Mich fasziniert diese Figur des jungen
Menschen, der in die Welt hinausgeht, bis dahin fast unbekannte
Landstriche erkundet. Seine Erlebnisse zeichnete er auf,
transformiert sie aber, machte aus ihnen Kunst. In einer Biografie
über Moritz Rugendas stieß auf die Episode von seiner zweiten Reise
nach Südamerika, die ich in meinem Buch erzähle.
Rugendas
querte die Anden von Chile nach Argentinien, weil er den Wunsch
hatte, die Pampa zu sehen. Dabei wird sein Pferd vom Blitz getroffen
und er selbst schwer verletzt. Gab es diesen Unfall tatsächlich?
Ja,
Rugendas blieb für den Rest seines Lebens ein nervöser Tick.
Zugegeben, ich übertreibe das ganze im Buch ein wenig, bei mir ist
er nach dem Unfall eine Art Monster. Aber was mir an der ganzen
Episode am Besten gefällt ist das Ende. Rugendas wollte immer einen
Indianerüberfall erleben, um ihn malen zu können. Und dann greifen
die Indianer just in dem Moment an, in der er sich auf einer Estancia
in Mendoza aufhällt. Trotz seines schlechten Gesundheitszustands
skizzierte er die Gefechte. Und am Abend ging er zum Indianerlager
und fertigte von ihnen Porträts an. Wie ein Regisseur: Zuerst nimmt
er die Totalen auf, dann macht er die Nahaufnahmen.
Und
die Indios ließen ihn gewähren?
Er kam
ihnen harmlos vor mit seinem Bleistift ... Was mir an diesem Teil von
Rugendas Reise auch gefällt, ist Kraus, dass ihn sein Freund
begleitet. Denn die einzig wahre argentinische Passion ist die
Freundschaft. Vor allem, wenn der Freund – selbst auch Maler weiß,
dass er weniger Talent hat – ihm dennoch treu folgt und hilft.
Allerdings muss ich auch sagen, dass ich mit dem Roman nicht sehr
zufrieden bin, er ist ziemlich konventionell geschrieben. Er scheint
aber der erfolgreichste meiner Romane zu sein.
Viele
Teile Argentiniens wurden zum ersten Mal von ausländischen Reisenden
beschrieben ... umgekehrt schreiben Sie auch, wenn Sie auf Reisen
sind?
Es gibt
ein regelrechte Genre, die Berichte englischer Reisender in
Patagonien, angefangen von Darwin. Ich habe einige dieser Bücher ins
Spanische übersetzt. Wenn ich reise, schreibe ich nicht. Als
Schriftsteller bin ich ein komplett sesshaftes Wesen. Ich habe meine
Routine in den Cafés von Flores. Für mich muss jeder Tag gleich
verlaufen. So habe ich eine neutrale Erfahrung, auf deren Grundlage
ich meiner Fantasie freien Lauf lassen kann. Wenn ich an anderen
Orten bin, funktioniert das bei mir nicht.
Gehen
Sie beim Schreiben von einer besonderen Erfahrung aus?
Nein,
„Duchamp in Mexiko“ ist eine Ausnahme. Normalerweise schöpfe ich
meine Inspirationen aus der Lektüre, der Betrachtung von Kunstwerken
oder aus dem Fernsehen, aus trivialen Komödien, manchmal auch aus
bizarren Zeichentrickserien. Das mische ich dann mit Borges. Wenn ich
dann schreibe, brauche ich doch etwas Persönliches, etwas, das mich
selbst berührt, denn sonst bleibt es nur ein reines Spiel mit Ideen
– was mir ein wenig banal vorkommt. Zu viel Persönliches will ich
aber auch nicht hineingeben, sonst kippt es ins Sentimentale, ins
Pathetische, Autobiografische. Es muss eine Balance geben zwischen
der seltsamen Logik des Achilles und der Schildkröte und meinen
persönlichen Dingen, die normalerweise versteckt sind, dem Text aber
Kraft geben.
Man
sagt, Sie hätten mittlerweile mehr als 80 Bücher veröffentlicht.
Denken Sie dabei die Bücher als Teil eines größeren
Werkzusammenhangs oder steht jeder Roman für sich?
Wenn
ich die Gesamtheit meiner Bücher betrachte, muss ich sagen, nein, es
gibt kein übergreifende Projekt, jedes Buch ist ein anderes
Abenteuer. Eigentlich sind sie letzlich nicht so verschieden, weil
ich ja immer derjenige bin, der sie schreibt. Ich habe so meine
Vorlieben. So werden die Bücher am Ende immer ähnlich. Doch ich
versuche immer, neue Weg zu gehen. Jetzt schreibe ich etwas mit einer
Figur, die aus meinen früheren Bücher stammt, der Kazique
Cafúlcura, ich nenne ihn so, sein eigentlicher Name ist Calfucurá.
Ich habe das „l“ versetzt. Es ist ein von mir erfundener Kazike,
auch wenn ich Elemente seiner realen Biografie übernommen habe ...
...
Calfucucurá war ein Mapucheanführer aus Chille, der mit Tausenden
von Kriegern Teile der Pampa kontrollierte und immer wieder
argentinische Städte überfiel ...
.. ich
habe aus ihm einen Philosophen gemacht, einen Weisen, der ein wenig
verrückt und ein ziemlicher Säufer war. Ich habe vor, zwei oder
drei Romane über Cafulcurá zu schreiben über die Zeit, bevor er in
die argentinische Pampa übersiedelte. Viele Araukaner kamen aus
Chile über die Anden und blieben dann mehrere Generationen auf
argentinischer Seite. Mit Calfucurá zogen sie dann gen Norden in die
Pampa, als die Rinderwirtschaft ausgedehnt wurde, und sie gratis an
Essen kamen und schließlich ein großes Imperium beherrschten.
Wann
war das?
Im 19.
Jahrhundert. Das ganze wurde erst 1881 von General Roca mit dem
sogenannten Wüstenkampagne beendet, bei der die Araukaner in den
Süden vertrieben wurden.
Sie
recyceln also Figuren aus älteren Werken. In einem der jetzt
erschienen Essays schreiben Sie, Sie träumten davon, ein Romanschema
zu entwerfen, das Sie künftig nur noch zu füllen brauchen, um zu
schreiben ...
Die
Idee dahinter war eigentlich das Schema eines Romans zu nehmen, also
die Form, nicht den Inhalt, um mit dieser Form ganz andere Dinge
anzustellen, Autofahren zu lernen, zum Beispiel, oder Torten zu
backen.
Also
ein Schreiben, das sich verselbstständigt?
Tatsächlich
gibt es eine Art Automatismus in meinem Schreiben, aber nicht den
Automatismus des Unbewussten, sondern den der Außenwelt. Ich sehe
zum Beispiel zwei Männer mit vollem Haar und einen mit Glaze und der
mit der Glatze gibt Anweisungen. Wenn ich nun etwas über einen
chinesischen Supermarkt in Buenos Aires schreiben will, schreibe ich:
„Da waren zwei Männer mit vollem Haar und einen Glatzkopf, der
Befehle gab.“ Das hat nichts mit der Geschichte an sich zu tun,
sondern kommt von dem, was ich in dem Café beobachte, wo ich
schreibe. Dennoch füge ich nicht einfach nur eine Sache zu einer
anderen, sondern ich muss den Glatzkopf und die beiden Männer mit
vollem Haar wie in einem konventionellen Roman glaubwürdig
einführen.
Also
ist der konventionelle, gut geschriebene Roman wichtig als
Bezugsgröße?
Das
Ideale ist natürlich, dass der Schriftsteller seinen eigenen
Paradigma für Qualität erfindet. Wenn er den bereits durchgesetzten
Vorlagen von Qualität folgt, wird das einzige was er bekommt, eine
„guter Roman“ sein, also ein Roman mehr, von denen es so viele
gibt, und die diese deprimierenden Tische der Buchläden füttern,
die einem die Lust am Lesen verleiden. Aber seine eigenen Paradigmen
zu erfinden, ist selbstverständlich nicht so einfach,; diejenige,
die es tun, geben der Literaturgeschichte eine neue Wendung. Neue
Paradigmen zu erfinden bedeutet sich sich selbst neu zu erfinden.
Sie
haben bei Ihrer Rede zur Eröffnung des internationalen
literatufestivals berlin die Nutzlosigkeit der Literatur verteidigt.
Warum?
Die
Literatur hatte noch nie einen Nutzen, außer den, den Lesern, einer
winzigen Minderheit der Gesellschaft, Freude zu bereiten. Und aus
diesem Grund halte ich staatliche Kampagnen zur Förderung des Lesens
für absurd. Wenn Verleger und Autoren sagen, dass Lesen gut sei,
verstehe ich das, es ist schließlich ihr Geschäft. Wenn das aber
der Staat tut, ist es nicht zu Ende gedacht. Denn man braucht
Menschen, die arbeiten und produzieren, niemanden, der sich zu Hause
einschließt, um Romane zu schreiben. Zwar hilft Lesen, den Geschmack
zu verfeinern, einen intelligenter zu machen. Nur wer braucht diese
Eigenschaften? Wenn jemand einen verfeinerten Geschmack hat, dann
wird er zu einem Schmarotzer ...
… weil
er nicht funktional ist für das System?
Ja.
Gleichzeitig ist diese Nutzlosigkeit der Literatur der Schlüssel zu
ihrer Freiheit. Von dem Zeitpunkt an, in dem man der Literatur einen
Nutzen zuschreibt, verliert sie ihre Freiheit. Wenn man mir vorgibt,
ich solle zur Bildung der Jugend beitragen, dann kann ich schon nicht
mehr so schreiben, wie es mir gefällt: mit der ezessiven
Vorstellungskraft, dem ganzen Unsinn ... ich würde mir nur Gedanken
darüber machen, wie mein Schreiben zur Bildung beiträgt und schon
wäre ich eingeschränkt.
Wird
denn aber nicht gerade von Schriftsteller, die aus Lateinamerika
kommen, erwartet, dass sie sich politisch positionieren ...
Ich
sage immer allen im Vorfeld, dass ich weder über Politik, noch über
Fußball sprechen werde – zwei Dinge, die ich für sehr ähnlich
halte.
Inwiefern?
Wie
über Fußball und wie über Politik geredet wird, ist vergleichbar.
Ich lese etwa in einem Artikel: „Gabriela Michetti, die
Vizepräsidentin Argentinens, orientiert sich nach links, erhält
aber keine Unterstützung, und wenn sie vorrückt, hat sie nicht den
Rückhalt von ...“ Wenn man den Namen Michetti durch Messi
austauschst, funktioniert der Text genauso: „Messi hält sich
links, wird aber nicht angespielt, rückt dennoch vor ...“
Was
lesen Sie, wenn Sie keine Artikel über Fußball lesen?
Zurzeit
lese ich Bücher wieder, die ich vor dreißig Jahren gelesen habe.
Auch wenn ich mich an die Grundzüge des Buchs erinnere, ist das
erneute Lesen anders. Man liest aus der Perspektive von dem, was man
erlebt hat, mit dem Geschmack, den man entwickelt hat. Ich mag es,
Bücher wieder zu lesen, auch wenn ich mir das nicht ausgesucht habe:
Oft gehe ich in einen Buchladen und komme mit leeren Händen zurück,
weil das einzige Buch, das mich interessiert, eines ist, das ich
schon zu Hause habe.
Lesen
Sie auch die argentinischen Klassiker wie Julio Cortázar wieder?
Mit
Cortázar habe ich eine unangenehme Erfahrung gemacht. As ich 14, 15
war, las ich alles von ihm, weil alle jungen Argentinier Cortázar
lasen. Und es immer noch tun. Es ist ein Autor für diejenigen, die
mit der Literatur beginnen. Und diese Funktion erfüllt er sehr gut.
Ich las ihn mit extremer Bewunderung, besonders die Erzählung „Der
Verfolger“, eine lange Erzählung über Jazz-Musik, inspiriert von
Charly Parker, und „Die Vereinigung“, über das
Aufeinandertreffen von Che Guevara und Fidel Castro in der Sierra
Maestra. Beide Erzählungen hielt ich für das Größte. Als ich sie
wieder las, fand sie unglaublich schlecht. Wie war es möglich, dass
ich, als ich jung war, mich so täuschte – ich hatte damals ja
schon gute Sachen wie Borges gelesen? Ich glaube, ich habe eine
Antwort gefunden. Während ich Cortazár als Jugendlicher las, dachte
ich, es wäre gut, wenn nun das passierte, und es passierte. Cortázar
erriet meine Gedanken, die Gedanken eines 15-jährigen, der
Schriftsteller sein will. Darin liegt das Geheimnis der
Anziehungskraft, die Cortázar auf Jugendliche ausübt. Er errät ihr
Denken und schreibt, was sie schreiben wollen.
Welches
Buch haben Sie zuletzt in Argentinien veröffentlich?
Ein
Buch unter dem Titel „La invención del tren fantasma“ (auf
deutsch etwa: „Die Erfindung des Geisterzugs“). Es besteht aus
drei Teilen, die sich – nicht exakt gleich – wiederholen. Sie
handeln von einem Land, das eine Monokultur betrieibt. Im ersten Fall
ist es eine Monokultur von Linguisten. Da sie in anderen Länder
nachgefragt werden, kommen Devisen rein. Doch dann wechseln die
Linguisten zur Poesie. Die will aber niemand, das Land geht bankrott.
In der zweiten Erzählung passiert das gleiche, nur sind es
Ärchäologen, die antike Statuen ausgraben. Museen auf der ganzen
Welt kaufen sie, das Land lebt davon. Dann wechseln die Archäologen
zur Zeitgenössischen Kunst. Sie graben nun seltsame Apparate aus,
die niemand will und das Land geht wieder bankrott. In der dritten
Erzählungen malt ein Jugendlicher Kreise auf eine Wand. Viele Jahre
nach seinem Tod stellen die Leute fest, dass diese Zeichnungen Pläne
für einen Geisterzug sind. Das Land verkauft die Lizenz in alle
Welt, und der Wohlstand kehrt wieder in das kleine Land zurück. Für
mich sind das drei Prosagedichte über Makroökonomie.
Was
ist ihr nächstes Projekt?
Ich
werde für ein paar Jahre aufhören. Ich habe es satt, gesagt zu
bekommen, dass ich so viel veröffentliche, wie fruchtbar ich sei.
Seit vielen Jahren hat niemand mehr gesagt, dass meine Bücher gut
sind, nur dass es viele sind. Ich werde für lange Zeit nichts mehr
veröffentlichen. Das passt mir ganz gut, denn ich schreibe besser,
wenn ich nicht ans Veröffentlichen denke.
Eine
Veröffentlichung ist also eigentlich eher etwas Lästiges?
Nein,
mir gefällt das Objekt, das Buch. Aber jetzt gebe ich mich mit den
Übersetzungen zufrieden, die von überall herkommen, schöne
Objekte, die mich belohnen, in verschiedenen Sprachen, manche so
exotisch, dass ich auf dem Buchumschlag nicht mal meinen Geburtsort
Coronel Pringles lesen kann.
Mittwoch, 6. April 2016
Mein Leben ist einfach von Cecilia Pavón
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| Cecilia Pavón, 2003. Foto: Timo Berger |
Wenn es so einfach wäre, einfach zu
schreiben, dann könnte es jeder. Aber halt: Vielleicht liege ich
auch falsch, vielleicht schreibt Cecilia Pavón gar nicht einfach,
sondern es erscheint nur so – was wiederum noch schwieriger wäre.
Weil sich hinter dem Dahingesagten, dem vorgeblich Naiven, nicht nur
ein doppelter Boden, sondern in selbigem gleich noch eine Falltür
verbergen würde. So oder so, meine erste Begegnung mit Cecilia kam
unerwartet, wie durch eine Falltür in einem doppelten Boden. Die
Vorgeschichte: Ich studierte ein Jahr lang an der Universidad de
Buenos Aires. An den Ausgängen der Geisteswissenschaftlichen
Fakultät (einer ehemaligen Papierfabrik im Stadtteil Caballito)
verteilten studentische Politgruppen Flyer, von Zeit zu Zeit stand da
auch eine einzelne Frau, die eine Literaturzeitschrift verkaufte,
„Nunca, nunca quisiera irme a casa“ (Ich will nie, nie nach Hause gehen) lautete ihr Titel. Einmal,
als ich in Begleitung eines deutschen Freunds war, der mich eine
Woche in Argentinien besuchte, sprach sie mich direkt an, ich winkte
ab, mein Freund aber zeigte Interesse. Er verstand zwar nicht, was
die Verkäuferin ihm genau anbot (weil er kein Spanisch sprach), doch
auf meinen Hinweis – mein Freund spricht kein Spanisch, deswegen
macht es keinen Sinn für ihn, eine spanischsprachige
Literaturzeitschrift zu kaufen – entgegnete sie nur: oh, kein
Problem, die Hälfte der Zeitschrift besteht aus Zeichnungen und
schlug sie auf – und es stimmte. Die 7. Ausgabe der „Nunca,
nunca“ hatte ein großzügiges Design mit elegante langen Strichen
und Farbflächen. Mein Freund drückte der Verkäuferin schon das Geld in die Hand.
Anderthalb Jahre später, 2000, – ich
kam gerade aus Zivals, Corrientes und Callao, hatte dort Bücher
gekauft, unter anderem den Gedichtband „Alga“ von Gabriela
Bejerman – die Herausgeber neben Gary Pimiento besagter Zeitschrift
– traf ich mich mit einem Freund aus Liniers in dem traditionellen
spanischen Café La Girarlda auf der Corrientes. Am Nachbartisch saß
… Gabriela Bejerman, wie mir irgendwann auffiel. Ich kommentierte
dies dem Freund aus Liniers und erzählte, dass ich gerade ein Buch
von ihr gekauft hatte. Er forderte mich heraus – lachend wie es
seine Art war. Hey, du traust dich sicher nicht, sie um eine Widmung
zu bitten. Irgendwann war mir seine Aufzieherei genug und ich trat
etwas schüchtern an ihren Tisch. „Du wirst mich nicht kennen, aber
du hast einem deutschen Freund von mir mal deine Zeitschrift verkauft
und ich habe heute zufällig ein Buch von dir gekauft …“ Wir
sprachen ein wenig über die Zeitschrift, eine weitere Nummer sei in
Planung. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihr sagte, dass ich auch
Gedichte schrieb. Bring mir nächste Woche welche mit, sagte sie
jedenfalls und: „Gleiche Tag, gleicher Ort!“
Eine Woche später ließ sie mich die
Gedichte nicht einmal auspacken. Komm mit, ich muss dir jemanden
vorstellen, nahm mich mit nach draußen, wo ihr Auto geparkt war,
irgendwas zwischen Ente und Mini (hier trügt die Erinnerung ganz
sicher). Wir stiegen ein und fuhren los. Sie zündete einen Joint an,
Gras aus Paraguay, erklärte sie. Die Corrientes entlang waren wir in
wenigen Minuten in Almagro, ungefähr auf Höhe der Plaza bog sie ab,
nach rechts. Wir parkten neben einem Ladenlokal an der
Oktaederförmigen Straßenkreuzung: Die Galerie Belleza y Felicidad,
von der ich bis dahin nichts gehört hatte. Gabriela trat vor mir
ein, mehrere Menschen (darunter Washington Cucurto, der einzige, den
ich kannte) blickten mir erwartungsvoll ins Gesicht. Gabriela sagte:
„Ich habe euch Timo Berger mitgebracht. Er wird ja heute hier seine
Gedichte lesen ...“ Mir verschlug es die Sprache.
Nach der Lesung (Cucurto hatte mich ein
wenig beruhigt) aus Anlass einer Vernissage, lernte ich Cecilia Pavón
kennen, die zusammen mit Fernanda Laguna die Galerie leitete. Sie
hatte, wie ich nun erfuhr, Gedichte von mir gelesen. Wer allerdings
auf die Idee gekommen war, mich (im Rückblick gesehen) derart
charmant in die Galerie zu locken, weiß ich bis heute nicht. In der
„Nunca, nunca quisiera irme a casa“, erschienen die
Gedichte, die ich Gabriela mitbrachte, jedenfalls nie. Dafür
veröffentlichte Cecilia später ein paar meine Texte in einer
Zeitschrift und in fotokopierten und von Hand zusammengetackterten Heften, die sie in den Ediciones Belleza y
Felicidad herausgab. Als sich die Wirtschafts- und Währungskrise
2002 verschlimmerte, zog Cecilia für einige Zeit nach Berlin. Sie
schrieb ein Langgedicht über ein von ihr auf dem Flohmarkt
erstandenes gestohlenes Fahrrad, mit dem sie durch Berlin fuhr,
zusammen schrieben wir vierhändig Gedichte „No me importa el amor,
me importa la plata“ und ich eine Erzählung mit dem Titel
„Moldawien“. Das ist viele Jahre her. Vor ein paar Tagen stolperte ich im Netz über ein
Gedicht von ihr, das nun folgt:
Mi vida es sencilla,
está hecha de
1) un niño
2) un jardín
3) un circulo de sillas donde se reúne
la gente a hablar.
4) un departamento proletario en un
barrio proletario
5) una heladera que enfría mal
A la mañana, después de dejar a mi
hijo en la escuela, leo la revista GENTE que habla de la farándula
local tomando café de mala calidad en bares del barrio de Once.
Pero mi vida me encanta y mis ojos
están llenos del sol del salvaje tercer mundo,
Creo en lo antiguo y en el drama, por
eso lloro tanto, y a veces cuando paso por la Iglesia de San Expedito
prendo una vela verde y roja y pido algo, el otro día pedí paz,
una vez hace tres años pedí claridad
Estaba de novia con un crítico de arte
que me dejó, aunque en realidad no era un novio sino un psicópata.
Todos los días paso frente a un
mercado abandonado lleno de ratas donde está sentada una prostituta
y pienso que soy igual a ella.
En la iglesia de San Expedito hay una
gran mesa de metal llena de velas encendidas,
cuando las miro,
pienso en el infierno.
Pero mi vida mi encanta y hoy, a la
tarde, estaba segura de que este libro era un elixir
Jun 12th, 2015
Mein Leben ist einfach,
es besteht aus
1) einem Kind
2) einem Garten
3) einem Stuhlkreis, in dem man sich
trifft, um sich unterhalten.
4) einer proletarischen Wohnung in
einem proletarischen Viertel
5) einem Kühlschrank, der nicht
richtig kühlt
Morgens nachdem ich meinen Sohn in die
Schule gebracht habe, lese ich die Zeitschrift GENTE, über die
lokale Schickeria, die in Bars in Once schlecht gebrühten Kaffee
trinkt.
Aber mein Leben erfreut mich und meine
Augen sind voll mit der Sonne der wilden Dritten Welt,
ich glaube an das Antike und an das
Drama, deswegen weine ich so viel, und manchmal, wenn ich an der San
Expedito-Kirche vorbeikomme, zünde ich eine grün-rote Kerze an und
mache eine Fürbitte, neulich bat ich um Frieden,
einmal, vor drei Jahren, bat ich um
Klarheit.
Ich hatte einen Freund, der
Kunstkritiker war, der mich verließ, obwohl er eigentlich gar kein
richtiger Freund war, sondern ein Psychopath.
Jeden Tag komme ich an einem
verlassenen Markt voller Ratten vorbei, wo eine Prostituierte sitzt,
und ich denke, ich bin genau wie sie.
Ein
großer Metalltisch voll mit brennenden Kerzen steht in der San-Epedito-Kirche,
wenn ich sie betrachte,
denke ich an die Hölle.
Aber mein Leben erfreut mich und heute
Nachmittag war ich mir sicher, dass dieses Buch ein Elixir ist.
12. Juni 2015
Cecilia Pavón, geboren 1973 in
Mendoza, gründete 1999 mit Fernanda Laguna Belleza y Felicidad
(ByF), Geschenkladen, Galerie und Verlag. Sie veröffentlichte
Gedichtbände und Erzählungen, darunter: „Virgen“ (ByF), „Un
hotel con mi nombre“ (Ediciones del Diego), „Caramelos de anís“
(ByF), „Los sueños no tienen copyright“ und „27 poemas con
nombre de persona“ (Triana), sowie zusammen mit Fernanda Laguna
„Ceci y Fer“ (ByF).
Weiterlesen:
- Ehemaliger Blog von Cecilia Once Sur
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Nunca nunca quisiera irme a casa,
Universidad de Buenos Aires
Donnerstag, 16. Januar 2014
Juan Gelman
| Juan Gelman auf der Frankfurter Buchmesse 2010. Foto: Timo Berger |
Montag, 4. November 2013
El Salmón von Fabián Casas
| Fabián Casas auf seiner Terasse 2009. Foto: Timo Berger |
Im Juli 2013 erscheint ein Buch in Costa Rica erneut (und erreicht mich ein paar Monate später in Berlin), das mir viele Jahre zuvor, genauer gesagt 1999, von Daniel Durand in Buenos Aires mit auf den Rückweg nach Berlin gegeben wurde. Ich hatte ein Jahr in der argentinischen Hauptstadt studiert und um den Kontakt mit der Sprache und der dortigen Dichterszene nicht zu verlieren, hatte ich Daniel Durand gefragt, welchen Gedichtband er mir ins Deutsche zu übersetzen empfehlen würde. Er stand eine Weile zögernd vor seinem selbstgezimmerten und überbordernden Bücherregal. Dann zog er zielsicher einen Band heraus: "El salmón" von Fabián Casas. Das ist, glaube ich, leicht zu übersetzen, sagte er und reichte mir den Band, der in Luis Mangieris Verlag Libros de Tierra Firme erschienen war, mit der Zeichnung eines Lachs auf dem Buchtitel. Ich kannte den Autor nicht (wie ich später erfuhr, weilte er mit einem Stipendium genau in dem Jahr, in dem ich an der Universidad de Buenos Aires Letras studierte in Iowa und nahm an dem Writer's Programm teil). Casas zu übersetzen, war natürlich nicht so leicht wie angekündigt, aber es war eine dankbare, weil mich immer wieder von neuem beschäftigende Aufgabe. Den Autor selbst lernte ich 2000 bei meiner Rückkehr nach Buenos Aires kennen und das sollte der Beginn eines wunderbaren Austauschs über den Ozean hinweg sein. 2003 las Fabián Casas mit Cristian de Napoli, Damián Ríos, Cecilia Pavón und Paz Levinson und mir in der Casa de la Poesía. 2005 war er Gast von Salida al Mar, 2006 Gast der ersten Latinale in München und Berlin, 2007 konnte ich ihn als Juror für den Preis der Anna Seghers-Stiftung vorschlagen und er begleitete uns mit der Latinale 2007 nach Hamburg, 2009 erschien bei luxbooks eine von mir übersetzte Anthologie, die Texte aus allen seinen Gedichtbänden aufnimmt, und 2011 trafen wir uns auf der Buchmesse von Guadalajara wieder. Nicht zu vergessen: das kleine Büchlein, das Lofi, im Homepublishing irgendwann zwischen 1999 und 2000 auf einem geliehenen Laserdrucker das Licht der Welt erblickte. Der mallorquinische Fotograf Biel Salas steuerte die Fotos bei.
Hier ein Gedicht und meine Übersetzung ins Deutsche:
Mientras me lavo la cara
Darío, parado, grita y gesticula.
Bajo una frazada marrón
Daniel se ríe y habla de sus novias.
Están borrachos y los que gritan en la cocina,
como diputados,también.
Mi vieja, resucitada,
golpea las ventanas, pidiendo entrar.
Al amanecer, bajo una claridad despiadada;
cigarrillos, libros desperdigados,
platos con comida.
Camino, despacio, hasta el baño;
sé que la desgracia está sobre nosotros,
no ahora, tampoco el año próximo,
todavía somos jóvenes, pero eso
se pierde enseguida.
No tenemos nada, pienso,
mientras me lavo la cara,
ni un oficio, ni un a herencia,
ni una casa de sólida piedra.
Während ich mir das Gesicht wasche
Darío schreit und fuchtelt im Stehen.
Unter einer braunen Decke
lacht Daniel und spricht von seinen Bräuten.
Sie sind betrunken und die, die in der Küche
wie Abgeordnete schreien, auch.
Meine auferstandene Mutter klopft ans Fenster
und will reinkommen.
Bei Sonnenaufgang, in einer schonungslosen Klarheit:
Zigaretten, verstreute Bücher,
Teller mit Essen.
Ich gehe langsam bis zum Bad.
Ich weiß, dass das Unglück über uns kommt,
nicht jetzt, auch nicht nächstes Jahr.
Noch sind wir jung, aber das
verliert sich bald.
Wir besitzen nichts, denke ich,
während ich mir das Gesicht wasche,
weder einen Beruf, noch ein Erbe,
noch ein Haus aus festem Stein.
| El salmón in verschiedenen Ausgaben |
Fabian Casas wurde am 7. April 1965 im Stadtviertel Boedo in Buenos Aires geboren. Er veröffentlichte die Gedichtbände „Tuca“ (Bs. As., Tierra Firme, 1990), „El Salmón“ (Bs. As., Tierra Firme, 1996), „Oda“ (Bs. As., Tierra Firme, 2003) und „El Spleen de Boedo“ (Bahía Blanca, Vox, 2003). Außerdem den Roman „Ocio“ (Bs. As., Tierra Firme 2000) und die Bände mit Erzählungen „Cuatro Fantásticos“ (Bs. As., Belleza y Felicidad Tusquet 2003), „El Bosque Pulenta“ (Bs. As., Eloísa Cartonera 2003), „Los lemmings“ (Bs. As., Casa de la Poesía 2002), sowie mehrere Bände mit Essays.
Weiterlesen:
- Fabián Casas auf lyrikline.org
Samstag, 31. August 2013
Seudo von Martín Gambarotta
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| Martín Gambarotta in seiner Küche 2003. Foto: Timo Berger |
"Da kannst du machen was du willst, der Sommer ist vorbei" – das Gute daran ist, die lesungslose Zeit ist vorbei. Literaturhäuser (größere und kleinere) öffnen ihre Pforten, Portale, die sich der Verbreitung von Lyrik in des Dichters Stimme widmen, werden neu aufgelegt und auch der Briefkasten füllt sich wieder mit Büchern. Gestern kam ein wunderbares Päckchen mit Büchern der Ediciones Liliputienses. Der Verleger (Dichter, Literaturkritiker und Dozent) José María Cumbreño hatte es selbst gepackt. Cumbreño kenne ich nicht persönlich noch nicht. Ich weiß nur: Er lebt in der kleinen Stadt Cáceres in der spanischen Provinz Extremadura fern ab der globalen Lyrikströme. Und gerade deshalb ist seine Unternehmung nicht nur nicht gewinnorientiert sondern auch äußerst aufregend. Im Verlagskatalog finden sich die spanischen Erstausgaben vieler zeitgenössischer lateinamerikanischer Lyriker wie Frank Baéz, Luis Chaves, Rocío Cerón, Laura Wittner, Edwin Madrid, Yanko González, Mónica de la Torre, Sergio Raimondi. Am meisten habe ich mich aber über „Seudo“ von Martín Gambarotta gefreut. Im Format etwas größer als die argentinische Originalausgabe von Ediciones VOX, dafür aber in schöner Typographie – und der zusätzliche Weißraum tut dem fragmentierte Langgedicht gut. Wie Cumbreño dazu kam dieses und die vielen anderen Gedichtbände „an der Peripherie der Peripherie“ (Selbstbeschreibung des Verlags) herauszugeben, wie er überhaupt auf die Autoren und die Texte kam, weiß ich nicht. Zu Martín Gambarotta, der auf seinem Autorenporträt die Augen zusammenkneift und mich an einen blinden Seher erinnert, fällt mir aber ein, wie ich ihn das erste Mal besucht habe. Wir saßen in der gekachelten Küche seines Apartments in Villa Crespo und tranken Mate. Keine von uns beiden sprach viel, Martin blickte oft schüchtern zur Seite. Ich hatte gerade „Seudo“ gelesen und machte ihm ein vorsichtiges Kompliment, indem ich das Format des Buches lobte, die kurzen, fragmentarischen Gedichte, die immer wieder ansetzten und Bilder, Bewegungen variierten. Und die man dennoch überall lesen könne, häppchenweise, im Bus, in der U-Bahn. Er lachte leise, sagte, ja, das hat man mir schon ein paar Mal so gesagt. Aber ich weiß nicht, seufzte er – und blickte mir dabei kurz in die Augen, als wollte er prüfen, ob ich es mit meinem Lob wirklich ernst meinte oder nur etwas nachplapperte, was ich irgendwo aufgeschnappt hatte. Ehe ich reagieren konnte, sah er schon wieder zur Seite und nahm einen weiteren Schluck Mate. Viel haben wir bei dieser Gelegenheit nicht mehr geredet. Doch das Buch zählt bis heute zu meinen Favoriten.
Gedichte aus „Seudo“, deren Übersetzungen in „Für einen Frühlingsplan“ bei Ediciones Vox in Bahía Blanca 2011 erschienen sind*
Was du verdreckst
wirst du putzen und auch
was du umschmeißt oder in die Ecken
kippst, das hier ist kein
Zuckerschlecken, brauchst
gar nicht meckern.
Todo lo que ensuciás
lo vas a limpiar y todo
lo que vuelques o tires
en el piso, esto no es
el paraíso, te aviso.
*
Wenn man zum ersten Mal eine Grapefruit
schneidet, an einem unbekannten Ort
mit einem Messer mit runder Spitze
und kurzer Schneide, im Grunde eher geeignet
um Butter zu streichen, erscheint die Grapefruit
fremder als die Welt, die sie umgibt
derart dass – wenn man sie vor dem Teilen
zu lange aufmerksam ansieht –
sie einlädt, in Panik zu verfallen.
Cuando se corta por primera vez
un pomelo en un lugar desconocido
con un cuchillo de punta redonda
y poco filo, más apto en realidad
para untar manteca, el pomelo se vuelve
más extraño que el mundo que lo rodea
de modo que mirarlo detenidamente
por demasiado tiempo antes de partirlo
es una invitación al pánico.
*
Es ist nicht das, was ich sagen
will, es ist fast das, was ich
sagen will, es ist
das neben dem,
was ich sagen will.
No es lo que quiero
decir es casi lo que
quiero decir es
lo que está al costado
de lo que quiero decir.
| Einige Bücher der Ediciones Liliputienses |
Martín Gambarotta wurde 1968 in Buenos Aires, Argentinien, geboren. 1996 veröffentlichte er den Gedichtband „Punctum“ (Libros de Tierra Firme). Als weitere Gedichtbände folgten „Seudo“ (Vox, 2000), „Relapso+Angola“ (Vox, 2005), „Refrito“ (Calabaza del Diablo, 2007), „Para un plan primaveral“ (Vox, 2011).
*Es gibt noch Restexemplare.
Weiterlesen:
Verlagsseite der Ediciones Liliputienses
Martín Gambarotta auf Lyrikline (Funktioniert erst nach dem Relaunch morgen)
Martín Gambarotta bei luxbooks
Sonntag, 4. August 2013
Karateka von Clara Muschietti
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| Clara Muschietti. Foto: Estela Fares |
Heute erreichen mich zwei Bücher, die sowohl die Absenderin als auch ich schon als verschollen wähnten. Gut sechs Wochen waren sie unterwegs, lagen vermutlich als "verdächtige" Einschreiben (Zertifiziert) beim Zoll. Keiner kann sagen ob auf dem diesigen oder dem hiesigen Ufer des Atlantiks. Trotz dieser langen Verweildauer im Trockendock konservieren die Gedichtbände - einmal aus dem Umschlag gezogen und aufgeschlagen - dennoch Erinnerungen. Das eine Buch, veröffentlicht 2007, riecht nach einer alten, vollgestapelten Bibliothek, die Seiten sind feucht und mir schlägt unvermittelt Modergeruch entgegen. Das andere duftet wie eine frisch gewischte Küche, das typische artifiziell-scharfe Putzmittel der aufstrebenden (und daher besonders hygienebewussten) Mittelschicht. Ein ganzer olfaktorischer Kosmos tut sich auf und ich habe noch keinen Vers in den beiden Bänden gelesen! Wie mag die Autorin wohl sein? Wie ist ihre Wohnung, ihre Bibliothek? Wie geht sie mit Büchern um? Kocht sie viel und gerne oder bestellt sie alles beim Chinesen oder Peruaner um die Ecke? Hat sie eine Femme de Ménage mit einer Vorliebe für aggressive Grundputzmittel oder räumt sie selbst auf? Wir kennen uns nicht persönlich, aber wie heutzutage so oft, wurden einander durch gemeinsame Freunde empfohlen: "Das musst du unbedingt lesen, sonst bist du out". Und in der Tat: Hatte ich einmal die Geruchsschranke überwunden, hörte ich nicht auf Clara Muschietti zu lesen und übersetzte schon bald (in progress) das erste Fragment eines Zyklus aus "Karateka", das im Anschluss wiedergegeben wird.
Taquicardia
No puede haber viento más fuerte que este.
Afuera las hojas revueltas, adentro
la certeza: todo esto va a terminarse.
Nos vamos, en algún momento vamos a irnos. Y por ahora
sólo dejamos gran parte de nuestra cabellera oscura
en una peluquería moderna. No queríamos.
No sabemos si correr o quedarnos,
no sabemos si mentías.
No sabemos si mentíamos.
Ese gato me acompaña indiscriminadamente, le agradecemos tanto pero
él nos agradece su conversión doméstica,
techo y comida a cambio de ser una pequeña sombra blanca de mi cuerpo
que también es blanco y pequeño.
Pensamos en las peores enfermedades,
y lloramos,
nos miramos el cuerpo meticulosamente
nos examinamos con rigor sin ciencia
ya estamos seguras
vamos a morirnos.
Si llegamos a viejas vamos a estar agradecidas.
Si mañana sale el sol vamos a estar agradecidas.
Si mañana la casa queda sin catástrofe vamos a estar agradecidas.
El cuerpo pesa menos se lo atribuimos a la enfermedad que nos atribuimos.
Más miedo tenemos, más amamos la vida.
A lo lejos unas figuras humanas,
no distingo a nadie, no hay nombres
ni fechas de nacimiento,
¿serán mis hermanos?
De muy cerca las caras se deforman,
se vuelven accesibles.
Tu cara está, cuando me levanto está, cuando me acuesto está,
cuando duermo está. Tu cara de lejos,
mi cuerpo de lejos me resulta
irreconocible, las imágenes que me diste
me distrajeron, se nos veía realmente felices.
De cerca soy yo, de lejos parezco mi madre.
No podemos saber si esto va a durar, no podemos saber hasta qué día,
en qué hora exacta vamos a despedirnos.
El día que caigamos definitivamente va a ser uno,
no sabemos cuál. Ojalá haya sol
y que estemos todos grandes.
No puede haber sol más fuerte que éste,
mi piel se enrojece, mi corazón ya estaba.
Ahora parecemos todos grandes, madre
y usted no se parece a la de las fotos,
nosotros todavía nos adivinamos en esa gente de vida corta.
La verdad de los corazones es improbable.
No sé si a la noche, cuando estoy sola
en la cama, tengo taquicardia, no sé si es eso
o es el eco de mi vida retumbando en el silencio.
No hay suelo más seguro que este.
Cuerpo a tierra.
Al ras del mundo, todos los pies son demasiado lo mismo.
Entraste a la pieza y me dijiste “estás acostada”
quise decirte que estaba aplastada pero no me pareció prudente. Fingí dormir.
Te fuiste caminando muy lento, sin hacer ningún ruido, como
negando la propia vida.
Te lo quise agradecer pero tenía que seguir dormida, si no ibas a pensar que habías fallado.
De tarde dormir es otra cosa.
Herzjagen
Es kann nicht noch schlimmer stürmen.
Draußen die aufgewirbelten Blätter, drinnen
die Gewissheit: All das geht vorüber.
Wir werden gehen, irgendwann werden wir gehen.
Und jetzt
trennen wir uns erst mal von dem Großteil unserer schwarzen Haare
bei einem hippen Friseur. Wir wollten es nicht.
Wir wissen nicht, ob wir davonrennen sollen oder bleiben,
wissen nicht, ob du gelogen hast.
Wir wissen auch nicht, ob wir gelogen haben.
Dieser Kater weicht nicht von meiner Seite – egal was passiert, wir sind ihm so dankbar aber
er dankt uns mit seiner Verwandlung zum Haustier,
Dach und Futter im Austausch dafür, ein kleiner
weißer Schatten meines Körper zu sein,
der ebenfalls weiß und klein ist.
Wir durchstehen die schlimmsten Krankheiten,
und weinen,
wir betrachten unsere Körper eingehend
wir untersuchen uns sorgfältig und ohne Sachverstand
und sind uns sicher
wir werden bald sterben.
Wenn wir dennoch alt werden, werden wir dankbar sein.
Wenn Morgen die Sonne herauskommt, werden wir dankbar sein.
Wenn sich Morgen Zuhause keine Katastrophe ereignet, werden wir dankbar sein.
Der Körper wiegt weniger,
wir führen es auf die Krankheit zurück, die wir uns andichten.
Umso mehr Angst wir haben, desto mehr lieben wir das Leben,
In der Ferne einige menschliche Gestalten,
ich erkenne niemanden, es gibt weder Namen
noch Geburtsdaten,
sind es meine Geschwister?
In nächster Nähe verformen sich die Gesichter,
werden greifbar.
Dein Gesicht ist da, wenn ich aufwache, wenn ich mich hinlege,
wenn ich schlafe. Dein Gesicht in der Ferne,
mein Körper in der Ferne ist
nicht wiederzuerkennen, die Bilder, die du mir gabst,
lenkten mich ab, man hielt uns für glücklich.
Aus der Nähe bin ich es, aus der Ferne sehe ich wie meine Mutter aus.
Wir wissen nicht, ob das andauern wird, wir können
nicht wissen an welchem Tag,
zu welcher Stunde genau wir uns verabschieden werden.
Der Tag, an dem wir endgültig abnippeln werden, wird ein Tag sein,
aber wir wissen nicht welcher. Hoffentlich scheint die Sonne
und wir sind alle schon alt.
Die Sonne kann nicht stärker scheinen als heute,
meine Haut wird rot, mein Herz war es schon.
Jetzt sehen wir alle alt aus, Mutter,
Sie sehen nicht so aus wie die auf den Fotos,
wir wähnen uns immer noch in diesem Leuten mit kurzen Leben-
Die Wahrheit der Herzen ist unwahrscheinlich.
Ich weiß nicht, ob ich nachts, wenn ich allein im Bett
liege, Herzjagen habe, ich weiß nicht, ob es das ist
oder der Widerhall meines Lebens in der Stille.
Es gibt keinen festeren Boden als den hier.
Körper auf der Erde.
Auf der Höhe der Welt sind alle Füße viel zu sehr dasselbe.
Du kamst ins Zimmer und sagtest: „du schläfst ja“
ich wollte sagen, ich bin nur platt, aber ich hielt es für keine gute Idee. Tat so, als ob ich schliefe.
Du bist sehr langsam gegangen, ohne eine Geräusch zu machen, als
ob du das Leben selbst negiert hättest.
Ich wollte dir danken, musste mich aber weiter
schlafend stellen, sonst hättest du gedacht, du hättest versagt.
Es ist was anderes zu schlafen, wenn es spät ist.
Clara Muschietti wurde 1978 geboren. Sie ist Fotografin, Autorin und Schauspielerin. Sie hat zwei Gedichtbände veröffentlicht “La campeona de nado” (iRojo, Buenos Aires, 2007) und „Karateka“ (El fin de la noche, Buenos Aires, 2010). Gedichte von ihr erschienen in der Anthologie „Poetas argentinas 1968-1980“ (ediciones del dock, Buenos Aires, 2007).
Weiterführende Links:
Clara Muschietti liest ...
Blog von Clara Muschietti
Dienstag, 23. Juli 2013
Für ein kommentiertes Wörterbuch von Sergio Raimondi
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| Sergio Raimondi, 2008 in Ingeniero White, Sonnenuntergang im argentinischen Winter. Foto: Timo Berger |
Vergangenes Jahr durfte ich mich mehrere Monate mit Sergio Raimondis in Argentinien noch unveröffentlichtem aktuellen Manuskript beschäftigen und gemeinsam mit ihm Gedichte auswählen für eine Übersetzung ins Deutsche. Diese erschienen im August 2012 dann im Berliner Berenberg-Verlag und schaffte es Anfang 2013 auf den ersten Platz der Weltempfänger Bestenliste. Für Sergio Raimondis Gedichte begeistere ich mich aber als Leser und Übersetzer schon länger. Zum ersten Mal begegneten mir die Texte 2003 in Buenos Aires. Eine befreundete Dichterin, Cecilia Pavón, bei der ich damals zwei Wochen wohnte, drückte mir den Band "Poesía Civil" in die Hand und sagte in ihrer immer leicht ironischer Art: Das musst du lesen, man sagt, es sei enorm wichtig. Ich las die Gedichte oder versuchte es. Sie waren voller Fachvokabeln, die sich mir nicht sofort erschlossen, der Satzbau war teilweise ungewöhnlich "latinisiert", die Bilder oft dunkle Metaphern bisweilen Oxymora. Die Gedichte selbst wie opake Kolumnen aufs Blatt gesetzt. Und doch sprachen die Gedichte von etwas was jenseits der poetischen Tradition und des Fokus der meisten zeitgenössischen Dichter lag: vom Alltag der Krabbenpuler, von den Hochseetrawlern und von den den petrochemischen Anlagen in Ingeniero White, dem Hafen von Bahía Blanca - der Stadt, in der Sergio Raimondi wohnt.
Sergios aktuelles Projekt ist ebenso außergewöhnlich und hat den Titel "Para un diccionario crítico de la lengua", auf Deutsch in etwa: "Beiträge zu einem kommentierten Wörterbuch" Einen dieser Beiträge, der nicht bei Berenberg, dafür aber bald zusammen mit anderen noch unveröffentlichten Gedichten Raimondis Anfang Oktober in der Literaturzeitschrift alba* erscheint und mir sehr gut gefällt, folgt nun hier.
W para designar nombres y lugares
distantes. En inicio de palabra provoca
la mueca incómoda de quien pronuncia
con la duda flagrante de lo no propio,
salvo en el caso del estudioso que ve
la ocasión justa para marcar
diferencia
y tuerce y contorsiona entonces labios
como si se dispusiera a besarse a sí
mismo. Aunque se deletree doble ve
y en la hoja se dibuje un molde de
flan,
la pronunciación estudiosa se resiste
a marcar la distancia no sólo
geográfica
y suaviza con sutileza Vagner para
obviar
el escándalo de un Wagner barbarizado
pero más justo con esa música militar
acostumbrada a gritos y explosiones,
si bien cabe destacar que
transcripciones
como en el caso de wagon, aquí vagón,
o como en watt, aquí vatio, son
acordes
en su simplificación a la hora de
señalar
nuestra posición lateralizada y menor
en el marco de la economía mundial.
W dient der Bezeichnung fremder Orte
und Namen. Am Wortanfang, bringt es
den Sprecher dazu, sein Gesicht zu
verziehen,
zu stocken: Das kenn ich doch gar
nicht!
Ganz anders den Gelehrten,
der den
Augenblick gekommen sieht, sich von den
anderen abzuheben, und seine Lippen
schürzt,
vorstülpt, als würde er sich gleich
selbst
küssen. Auch wenn man es als
Doppel-Vau
buchstabiert und wie ein
Puddingförmchen
malt, weigert sich die gehobene Aussprache,
die nicht nur geografische Ferne zum We
anzuerkennen, sonder macht den Vagner gar
noch weicher, um einen verhunzten Wagner
zu vermeiden - was aber dessen
militärischer,
von Schreien und Explosionen satter
Musik
eher gerecht würde; wenngleich man
im Gegenzug anmerken müsste, dass
Umschriften wie bei Waggon, hier vagón,
oder bei Watt, hier vatio, nützlich
sind, weil
sie in ihrer Vereinfachung auf unsere
Lage
am Rande der Weltwirtschaftsordnung
verweisen.
| Poesía Civil, Für ein kommentiertes Wörterbuch und Zivilpoesie von Sergio Raimondi |
Sergio Raimondi, geboren 1968 in Bahía Blanca, Argentinien, ist Schriftsteller und Professor für Zeitgenössische Literatur an der Universidad del Sur. Er lebt in Bahía Blanca, wo er seit 2011 auch Kulturdezernent ist.
Weiterführende Links // Enlaces:
Gespräch über die Übersetzung von Sergios Gedichten
Berenberg Verlag
Sergio liest vor auf der lyrikline.org
Latin.log
fixpoetry
*alba - lateinamerika lesen ist eine Zeitschrift, die ich 2011 angeregt von Guillermo Bravo gründen helfen durfte, und die sich der Verbreitung junger lateinamerikanischer Literatur verschrieben hat. Zwei der drei Ausgaben sind hier als E-Papier nachzulesen.
Mittwoch, 17. Juli 2013
Ruta Dos von Daniel Calabrese
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| Daniel Calabrese 2010 in Masaya, Nicaragua. Foto: Timo Berger |
Posición
Soy el mozo que me atiende,
el tipo que me cuida el auto,
la vieja que lava mi ropa.
Y todos los días, un poco,
aquellos ojos que miran desde lejos.
Soy el jefe victorioso,
ese que ordena mi vida y sus necesidades,
pero soy también un perro modesto
que merodea por la plaza
y a veces el carcelero que tiene el aura
muy chica, pegada a su cabeza.
En general, soy todos ellos
cuando tengo los ojos cerrados.
Haltung
Ich bin der Kellner, der mich bedient,
der Kerl, der auf mein Auto aufpasst,
die Alte, die meine Wäsche wäscht.
Und jeden Tag ein wenig jene Augen,
die mich aus der Ferne betrachten.
Ich bin der erfolgreiche Chef,
der mein Leben ordnet und meine Bedürfnisse
aber ich bin auch der unscheinbare Hund,
der um den Platz streunt
und manchmal der Wärter, dessen Aura
winzig ist und ihm am Schädel klebt.
Im Großen und Ganzen bin ich sie alle,
wenn meine Augen geschlossen sind.
| Der neue Gedichtband "Ruta Dos". Dahinter "Oxidario" von 2001. |
Daniel Calabrese, geboren 1962 in Dolores (Provinz Buenos Aires) lebt seit 1991 in Santiago de Chile. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlich. Seine Gedichte wurden ins Englische und Japanische übersetzt. Er betreut die Veröffentlichungen des Verlags RIL editores in Santiago de Chile.
Dienstag, 9. Juli 2013
La Pajera de Once von Washington Cucurto
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| Washington Cucurto in einem Internetcafé in der Sonnenallee, Berlin, Neukölln, 2004. Foto: Timo Berger |
Heute erreichen mich drei Bücher von Washington Cucurto. Eines davon möchte ich heute hier vorstellen. La Pajera de Once lautet der Titel, erschienen im Juni 2012 bei VOX in Bahía Blanca - ein Projekt zwischen Bildender Kunst und Independantverlag mit einem Verleger (Gustavo López) genauso unermüdlich wie Washington Cucurto selbst, der in seinem bürgerlichen Leben eigentlich Santiago Vega heißt. "Cucu", wie ihn in seine Freunde bisweilen nennen, lernte ich 1998 im argentinischen Winter in Buenos Aires kennen. Ein Gruppe von Dichterinnen, die ursprünglich aus Bariloche stammten und zum Studieren in die argentinische Hauptstadt gekommen waren, spannte damals jeden Samstag nachmittag eine Wäscheleine zwischen die Bäume der Plaza Almagro und hängte daran Gedichte auf. Passanten wurden angehalten, sie zu lesen, mitzunehmen oder gegen eigene einzutauschen. Eines Tages brachten Freunde der Dichterinnen (ich weiß nicht mehr ob Mario Varela, José Villa oder Daniel Durand) einen noch etwas schüchternen Jungen mit, der mir aber sofort auffiel, weil er sich anders bewegte, anders sprach als die Dichter, die ihn mitgebracht hatten. Er hatte große, forsche Augen, die alles sehr genau registrierten. Und dann bat man ihn, ein Gedicht zu lesen. Er zog eine Zeitschrift (La Novia de Tyson) aus einer Tasche und las: Oración de un repositor de supermercado (Gebet eines Regalauffüllers im Supermarkt). Ein Langgedicht über Fußballfans aus den Vororten und die Dialektik ein Argentinier aus der Unterschicht zu sein: ökonomisch marginalisiert und in der politischen Gedankenwelt der (vermeintliche) Protagonist der Nation. Ich war hin und weg. Daniel Durand versicherte mir damals (oder einige Tage später), das Gedicht sei unübersetzbar. Allein schon wegen der Schmähnamen der Fußballclubs. 2002 erschien dann eine erste Nachdichtung in der Leipziger Literaturzeitschrift edit, 2004 dann beim Berliner Süßwarenautomatenverlag SuKuLTuR eine überarbeitete Version in der Sammlung Die Maschine, die kleine Paraguayerinnen macht. Aus Cucurto aktuellem Gedichtband nun ein Gedicht und meine Übersetzung ins Deutsche (Work in Progress).
Leónidas Carlos Lamborghini
Ayer murió Leónidas Lamborghini,
no sé si salió en el diario,
Me llamó Santiago Llach
y me dijo: “Cucu, tildó el Lambo”.
¿O fue un mensajito de texto?
No importa. Lo que sí sé aunque
no venga al caso, es que el poeta
Martín Rodríguez mandó un mail
sin contenido, con el asunto:
“Murió la madre de Alejandro Rubio”.
Eso fue todo y eso es todo.
Me acuerdo que la noche que murió Mangieri
Fabi me llamó y me tiró mala onda.
Me preguntó si iba a ir al velorio y le
dije que no soportaba los velorios.
“Con todo lo que hizo por vos
y no querés ir al velorio”.
Estuve mal y estuvo mal.
Pero, ¿qué voy a ir a hacer a un velorio?
A José Luis prefiero recordarlo lleno de vida,
con el maletín lleno de libros por el centro.
Mientras escribo esto está muriéndose Abundio,
el pizzero de los tomates podridos.
Me dicen los vecinos: “¿vas a hacer algo?”
¡Qué quieren que haga…!
Murió mi padre, murió Cassius Clay, murió George Perec;
Gregory Corso murió en Roma.
Un día morirá Juan Gelman y Juanita Bignozzi,
yo y mis hijos y todos. No importará, por supuesto.
Es una obviedad lo que digo.
Es increíble que la muerte sea una obviedad…
Mi vieja me llama y me dice (ella no morirá nunca):
-“¡Devolveme la olla que te presté!”.
Leónidas Carlos Lamborghini
Gestern ist Leónidas Lamborghini gestorben,
ich weiß nicht, ob es schon in der Zeitung stand,
Santiago Llach rief mich an
und sagte: "Cucu, Lambo ist hinüber".
Oder war es eine SMS?
Egal. Wo ich mir allerdings sicher bin,
auch wenn es damit nichts zu tun hat
der Dichter Martín Rodríguez schickte eine Mail
ohne Inhalt mit dem Betreff:
“Die Mutter von Alejandro Rubio ist tot”.
Das war alles und ist es noch.
Ich erinnere mich, dass mich Fabi in der Nacht,
in der Mangieri starb, anrief und anmachte.
Er fragte, ob ich zur Beerdigung ginge und ich
antwortete, dass ich Beerdigungen nicht ertrüge.
“Er hat so viel für dich getan
und du willst nicht mal zur Beerdigung”.
Das war falsch von mir.
Aber, was hätte ich auf einer Beerdigung verloren?
An José Luis errinnere ich mich lieber am Leben,
mit dem Koffer voller Bücher im Zentrum.
Während ich das hier schreibe siecht Abundio dahin,
der Pizzabäcker der verfaulten Tomaten.
Die Nachbarn sagen zu mir: “Machst du was?”
Was soll ich denn machen …!
Mein Vater ist gestorben, Cassius Clay, George Perec;
Gregory Corso ist in Rom gestorben.
Eines Tages sterben auch Juan Gelman und Juanita Bignozzi,
ich und meine Kinder, alle. Egal wer, selbstverständlich.
Es lieg auf der Hand, was ich sage.
Es ist unglaublich, dass der Tod so selbstverständlich ist …
Meine Mutter ruft mich an und sagt (sie wird nie sterben):
“Bring mir den Topf zurück, den ich dir geliehen habe!”
| Der aktuelle Titel mit einem Manuskript von Washington Cucurto |
Washington Cucurto (alias Santiago Vega) wurde 1973 in Quilmes, einer Stadt im Speckgürtel von Buenos Aires geboren. Er veröffentlichte Gedichtbände und Erzählungen und (unter anderen) den Roman "Cosa de Negros". 2004 gründete er den Verlag Eloísa Cartonera der seitdem in Zusammenarbeit mit ehemaligen Papiersammlern Kartonbücher herstellt. 2012 wurde das Projekt mit dem Preis der niederländischen Prince Clause Foundation ausgezeichnet. Seine Texte wurden ins Englische, Französische, Portugiesische und Deutsche übertragen. Washington Cucurto lebt in Buenos Aires.
Weiterführende Links // Enlaces:
Gedicht von Washington Cucurto im Latin.Log // Poema de Washington Cucurto
Entrevista con Washington Cucurto
Prolog zu "Mehr als Bücher", in Berlin erschienene Anthologie mit Kartonbuchautoren // Prólogo de "Más que libros", antología publicada en Berlín de autores cartoneros
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