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| Kran, Schöneberger Linse, 2019 |
Begegnungen mit Autor·innen aus Lateinamerika // Encuentros con autor@s de Latinoamérica
Freitag, 26. April 2019
Topografien des Künftigen
Samstag, 15. Dezember 2018
Neues Buch, jenseits der mittelalterlichen Stadtmauer
2018 rauschte nur so an mir vorbei (wobei ich gar nicht so genau weiß womit ... achja, ich machte mehrere Reisen (nach Extremadura, Madrid, Wien, Lanzarote, Leipzig, Frankfurt, Hamburg, Frankfurt/Oder, La Paz, Galicien...) und erfuhr dabei spannende Begegnungen, aber es sind dabei keine neuen Übersetzungen in Buchform entstanden ... außer einer Anthologie in Bolivien, davon berichte ich Euch im nächsten Post, wenn das Paket mit den Belegexemplaren, die ich den DichterInnen freudig überbringe, endlich ankommt ... Doch es gibt dennoch etwas zu feiern. Ich habe Ende dieses Jahr endlich einen neuen Gedichtband veröffentlicht: "extra muros. poemas públicos", erschienen in Madrid und Bilbao, die ersten Skizzen dafür sind sicher sieben, acht Jahre alt (inspiriert in den Gedichten von Cecilia Pavón, Fernanda Laguna und anderen) ... Dank an Juanje Saenz, Roberto Córdoba, Ethel Barja, Jorge Locane und Julián Herbert, die verschiedene Versionen dieser Gedichte vor dem Druck gelesen und kommentiert haben ...
Hier nun der offizielle Pressetext:
EXTRA MUROS - TIMO BERGER
Die Stadt ist kein Spaziergang
Timo Bergers Gedichte nehmen immer wieder das Thema der Großstadt auf. Waren es in "A cien cuadras del centro" (San Jose, 2011) und "Microclimas"(Bahía Blanca, 2014) periphere Metropolen wie Buenos Aires und Lima, so widmet sich sein gerade erschienenes Buch "extra muros. poemas públicos"(Madrid, L.U.P.I. & Zoográfico, 2019) der Stadt Berlin. Diese “öffentlichen Gedichte” pendeln zwischen dem urbanen Außenraum und dem inneren Reflektionsraum des Subjekts. Verkehrsbewegungen, Straßenschilder, Begegnungen, historische Spuren irritieren im besten Sinne des Wortes unfokussierten Beobachter und skizzieren eine Poetik der verlorenen Kontingenz im Zeitalter der tief in unsere intimsten Sphären eindringenden Algorithmen. Der Titel “extra muros” verweist auch auf den Entstehungsort dieser Gedichte: Geschrieben im hastigen, rastlosen, unsteten Gehen, fern der Eleganz eines Flaneurs in den schmucklosen Vierteln außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer, die einst Verhikel einer Modernisierung und Expansion Berlins waren und sich heute in von Anonymarchitektur geprägten Durchgangsorte einer sich beschleunigenden Kapitalbewegung verwandelt haben. DIe Gedichte wurde auf Spanisch verfasst, auf Lesungen in Deutschland werden sie durch eine “Live-Übersetzung” ins Deutsche geführt - auch dank der Übersetzerarbeit einiger FreundInnen des Autors.
Bestellt werden kann das Buch direkt beim Verlag in Spanien.
Einen ersten Eindruck von dem Buch kann man hier gewinnen.
Hier nun der offizielle Pressetext:
EXTRA MUROS - TIMO BERGER
Die Stadt ist kein Spaziergang
Timo Bergers Gedichte nehmen immer wieder das Thema der Großstadt auf. Waren es in "A cien cuadras del centro" (San Jose, 2011) und "Microclimas"(Bahía Blanca, 2014) periphere Metropolen wie Buenos Aires und Lima, so widmet sich sein gerade erschienenes Buch "extra muros. poemas públicos"(Madrid, L.U.P.I. & Zoográfico, 2019) der Stadt Berlin. Diese “öffentlichen Gedichte” pendeln zwischen dem urbanen Außenraum und dem inneren Reflektionsraum des Subjekts. Verkehrsbewegungen, Straßenschilder, Begegnungen, historische Spuren irritieren im besten Sinne des Wortes unfokussierten Beobachter und skizzieren eine Poetik der verlorenen Kontingenz im Zeitalter der tief in unsere intimsten Sphären eindringenden Algorithmen. Der Titel “extra muros” verweist auch auf den Entstehungsort dieser Gedichte: Geschrieben im hastigen, rastlosen, unsteten Gehen, fern der Eleganz eines Flaneurs in den schmucklosen Vierteln außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer, die einst Verhikel einer Modernisierung und Expansion Berlins waren und sich heute in von Anonymarchitektur geprägten Durchgangsorte einer sich beschleunigenden Kapitalbewegung verwandelt haben. DIe Gedichte wurde auf Spanisch verfasst, auf Lesungen in Deutschland werden sie durch eine “Live-Übersetzung” ins Deutsche geführt - auch dank der Übersetzerarbeit einiger FreundInnen des Autors.
Bestellt werden kann das Buch direkt beim Verlag in Spanien.
Einen ersten Eindruck von dem Buch kann man hier gewinnen.
Mittwoch, 23. August 2017
Neue Bücher / Nuevos libros
Vielleicht mein liebstes Projekt dieses Jahr. Luis war von Anfang 2015 bis Anfang 2016 in Berlin als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAADs - mit der ganzen Familie. Es lagen ja schon Übersetzungen vor - für die Latinale und für hochroth - aber als Luis in der Stadt war, entfaltete sich eine weitere Dynamik: Er wurde zu ungezählten Lesungen eingeladen. Bei einer, in Haussach im Schwarzwald traf er dann auf seinen künftigen Verleger, Hans Schiler. Der hatte schon Bücher der Latinale-Autorin der ersten Stunde Rocío Cerón verlegt. Peter Holland half, das Projekt abzurunden, den ein oder anderen Text, in den wir uns aus unerklärlichen Gründen verliebt hatten, doch außen vor zu lassen, und die Übersetzungen noch einmal im Lichte der Gesamtauswahl zu überarbeiten. Die Anthologie schließt für mich einen Zyklus ab, der damit begonnen hatte, Luis in Buenos Aires kennenzulernen. Eigentlich weiß ich gar nicht mehr so genau, wann wir Freundschaft schlossen - aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Wir konnten es jedenfalls Mitte Februar in der Lettrétage vorstellen.*
Mit Martín Gambarotta (und zwei anderen Dichter*innen: Cecilia Pavón und Ezequiel Zaidenwerg) bin ich 2009 im Auftrag des Goethe Instituts Buenos Aires zu einer mobilen Schreibwerkstatt aufgebrochen. Mein Vorschlag war, die Gründungsnarrative Argentiniens neu zu beleuchten. Ein Buch, das zu den Klassikern des südamerikanischem Landes zählt, ist "El Matadero" (Der Schlachthof) von Esteban Echeverría. Argentinien war seinerzeit ein bedeutender Fleischproduzent. Doch als wir auf den Laufwegen über dem ehemaligen Schlachthof standen, wo bis heute Kühe am frühen Morgen meistbietend versteigert werden - aber nicht mehr getötet (das passiert nun in Schlächtereien in der Provinz Buenos Aires) fühlten wir uns kurzzeitig an ein Konzentrationslager erinnert. Wir schluckten. Sahen unter uns einen Gabelstapler der eine Kuh, die im Gemenge gefallen und umgeknickt war, hinausbeförderte. Eine Pseudokuh, die es nicht schaffen wird in den wahren Schlachthof, die auf halber Strecke verendet. Während Cecilia Pavón ein Langgedicht aus der Erfahrung schöpfte, sagte mir Martín schon im Café in Mataderos, wo wir uns stärkten, er würde allenfalls ein, zwei Motive, Splitter finden. Um mir später zu mailen, er habe zwei Verse geschrieben, um ein längeres Gedicht zu beenden. Immerhin etwas. "Pseudo", erschienen jüngst bei brueterich press, ist ein Langgedicht in Fragmenten, sprach- und geschichtskritisch. Im September ist Martín Gambarotta dank des Argentinischen Außenministeriums in Berlin und wird den Band am 15. im Literaturhaus, am 23. im Café Plum und am 19. in Hamburg im Chile-Haus vorstellen.
*
Sergio Raimondis Band "Poesía Civil" wiederzuveröffentlichen, war mir ein Herzensangelegenheit, nachdem das Buch, zuerst erschienen 2005 bei wvb, vergriffen war. Peter Holland ermunterte mich weitere Gedichter des Originalbands ins Deutsche zu übersetzen und die bereits bestehenden Versionen zu überarbeiten. Sein Wechsel von hochroth zu Reinecke & Voss gab dem Wunsch meine allerersten in Buchform erschienen Übersetzungen nochmal "anzufassen" eine Perspektive. Wir trafen uns in Cafés und Kneipen und Schöneberg und Friedenau und steckten die Köpfe zusammen - ein Jahr lang. Und am Ende ludt das Haus für Poesie Sergio Raimondi zum Poesiefestival Berlin ein und erlaubte im Nachgang eine Tournee, auf der wir die erweiterte Neuausgabe in Frankfurt, Stuttgart, Osnabrück und Wien vorstellen konnten. Sergio bekam einen ersten Eindruck von der deutschen Provinz - er selbst stammt ja nicht aus Buenos Aires, sondern aus der Hafenstadt Bahía Blanca, am Atlantik gelegen. Sergio mochte seltsamerweise das zerbombte und wiederaufgebaute Stuttgart, den Ausflug nach Österreich. Er wird bald - 2018 - Gelegenheit haben, noch mehr durch Mitteleuropa zu reisen. Das Berliner Künstlerprogramm des DAAD hat ihn für ein Jahr nach Berlin eingeladen.
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Donnerstag, 8. Juni 2017
"Ich werde für ein paar Jahre aufhören"
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| César Aira, 2012. Foto: Timo Berger |
Herr
Aira, Ihr gerade auf Deutsch erschienen Essayband „Duchamps in
Mexiko“ beginnt damit, dass Sie sich darüber ärgern, in
Mexiko-Stadt in eine Touristenfalle geraten zu sein. Man bekommt den
Eindruck, dass Sie nicht gerne reisen?
Wenn
ich reise, dann hasse ich den Ort, an dem ich bin und will so schnell
wie möglich wieder in den Flieger steigen. Die Reise nach Mexiko
hatte mich sehr deprimiert, und um die Traurigkeit zu zu überwinden,
habe ich getan, was ich dann immer tue: Bücher kaufen. Es war ein
Buch über Marcel Duchamp. Am nächsten Tag sah ich dasselbe Buch in
einem anderen Laden, aber zwei Peso billiger. Ich dachte, hätte ich
dieses Exemplar gekauft, hätte ich jetzt zwei Peso mehr und würde
ich noch ein anderes, drei Peso billigeres Exemplar kaufen, dann
hätte ich insgesamt schon 5 Peso gespart, und fände ich immer mehr,
immer billigere Bücher, dann wäre ich irgendwann reich. Solche
seltsame Ideen kommen mir!
Mit
dieser Idee haben Sie dann den Essay „Duchamp in Mexiko“
geschrieben, der einer trügerischen Logik folgt, ähnlich wie die,
die dem Paradoxon von Achilles und der Schildkröte zu grundeliegt.
Ich
spiele gerne mit dem Unendlichen, mit unendlichen Reihen. Das habe
ich von Borges.
Und
warum interessieren Sie sich ausgerechnet für Duchamp?
Duchamp
gehörte zu den ersten Dingen, die in mir große Neugier weckten. Er
ist rätselhaft, sein Werk unendlich interpretierbar. Eines der
ersten Bücher, das ich mir kaufte, als ich mit 18 aus Coronel
Pringles zum Studieren nach Buenos Aires ging, war eine Sammlung
seiner Schriften unter dem Titel „Marchamp Ducel“, ein Wortspiel
mit seinem Namen. Von da an wurde mir Duchamps zu einer Gewohnheit,
einem Hobby. An die hundert Bücher über ihn habe ich zu Hause.
Einmal hat er ein sehr spezielles Selbstproträt aufgenommen. Von
vorne, aber das Gesicht nach unten geneigt, er sieht fast aus wie ein
Totenschädel. Er gab ihm den Titel „Duchamp at the age of 85
years“. Ich habe ein Buch, das nur von diesem Foto handelt. Wenn
Duchamps genossen hat, dann findet sich ein Buch über das Niesen von
Duchamp. Mir wird nie Material fehlen für mein Hobby.
Duchamp
hat mit seiner Idee des Readymades die westliche Kunst revolutioniert
…
Er war
der Vater von dem, was wir heute zeitgenössische Kunst nennen, der
Concep Art. Er hat alles gemacht, hat sich in Frauenkleidern
fotografiert, Performance aufgeführt. Parfum kreiert. Er hat sich
permanent verändert – eine Eigenschaft, die mir an Künstlern
gefällt: Immer wieder hat er einen neuen Weg eingeschlagen. Ich
wünschte, meine Bücher wären ebenso.
Das
zweite Buch, der von Ihnen gerade in Deutschland in einer
Neuübersetzung erschienen ist, „Eine Episode im Leben des
Reisemalers“ handelt ebenfalls von einem Künstler: Moritz
Rugendas, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Südamerika
bereiste und Land und Leute in beeindruckenden Tableaus festhielt.
Was fasziniert Sie an der Figur des Rugendas?
Der
erste Satz meines Buchs lautet: „Es hat im Westen nur wenige
wirklich gute Reisemaler gegeben.“ Das spielt auf den Osten an, auf
Japaner und Chinesen, wo es wirklich gute Reisemaler gegeben hat. Im
Westen arbeiteten die meisten Künstler im Atelier. Anders Rugendas:
Er unternahm seine erste Reise nach Südamerika im Alter von 19, 20
als Zeichner einer von Georg Heinrich von Langsdorf angeführten
Expedition nach Brasilien. Mich fasziniert diese Figur des jungen
Menschen, der in die Welt hinausgeht, bis dahin fast unbekannte
Landstriche erkundet. Seine Erlebnisse zeichnete er auf,
transformiert sie aber, machte aus ihnen Kunst. In einer Biografie
über Moritz Rugendas stieß auf die Episode von seiner zweiten Reise
nach Südamerika, die ich in meinem Buch erzähle.
Rugendas
querte die Anden von Chile nach Argentinien, weil er den Wunsch
hatte, die Pampa zu sehen. Dabei wird sein Pferd vom Blitz getroffen
und er selbst schwer verletzt. Gab es diesen Unfall tatsächlich?
Ja,
Rugendas blieb für den Rest seines Lebens ein nervöser Tick.
Zugegeben, ich übertreibe das ganze im Buch ein wenig, bei mir ist
er nach dem Unfall eine Art Monster. Aber was mir an der ganzen
Episode am Besten gefällt ist das Ende. Rugendas wollte immer einen
Indianerüberfall erleben, um ihn malen zu können. Und dann greifen
die Indianer just in dem Moment an, in der er sich auf einer Estancia
in Mendoza aufhällt. Trotz seines schlechten Gesundheitszustands
skizzierte er die Gefechte. Und am Abend ging er zum Indianerlager
und fertigte von ihnen Porträts an. Wie ein Regisseur: Zuerst nimmt
er die Totalen auf, dann macht er die Nahaufnahmen.
Und
die Indios ließen ihn gewähren?
Er kam
ihnen harmlos vor mit seinem Bleistift ... Was mir an diesem Teil von
Rugendas Reise auch gefällt, ist Kraus, dass ihn sein Freund
begleitet. Denn die einzig wahre argentinische Passion ist die
Freundschaft. Vor allem, wenn der Freund – selbst auch Maler weiß,
dass er weniger Talent hat – ihm dennoch treu folgt und hilft.
Allerdings muss ich auch sagen, dass ich mit dem Roman nicht sehr
zufrieden bin, er ist ziemlich konventionell geschrieben. Er scheint
aber der erfolgreichste meiner Romane zu sein.
Viele
Teile Argentiniens wurden zum ersten Mal von ausländischen Reisenden
beschrieben ... umgekehrt schreiben Sie auch, wenn Sie auf Reisen
sind?
Es gibt
ein regelrechte Genre, die Berichte englischer Reisender in
Patagonien, angefangen von Darwin. Ich habe einige dieser Bücher ins
Spanische übersetzt. Wenn ich reise, schreibe ich nicht. Als
Schriftsteller bin ich ein komplett sesshaftes Wesen. Ich habe meine
Routine in den Cafés von Flores. Für mich muss jeder Tag gleich
verlaufen. So habe ich eine neutrale Erfahrung, auf deren Grundlage
ich meiner Fantasie freien Lauf lassen kann. Wenn ich an anderen
Orten bin, funktioniert das bei mir nicht.
Gehen
Sie beim Schreiben von einer besonderen Erfahrung aus?
Nein,
„Duchamp in Mexiko“ ist eine Ausnahme. Normalerweise schöpfe ich
meine Inspirationen aus der Lektüre, der Betrachtung von Kunstwerken
oder aus dem Fernsehen, aus trivialen Komödien, manchmal auch aus
bizarren Zeichentrickserien. Das mische ich dann mit Borges. Wenn ich
dann schreibe, brauche ich doch etwas Persönliches, etwas, das mich
selbst berührt, denn sonst bleibt es nur ein reines Spiel mit Ideen
– was mir ein wenig banal vorkommt. Zu viel Persönliches will ich
aber auch nicht hineingeben, sonst kippt es ins Sentimentale, ins
Pathetische, Autobiografische. Es muss eine Balance geben zwischen
der seltsamen Logik des Achilles und der Schildkröte und meinen
persönlichen Dingen, die normalerweise versteckt sind, dem Text aber
Kraft geben.
Man
sagt, Sie hätten mittlerweile mehr als 80 Bücher veröffentlicht.
Denken Sie dabei die Bücher als Teil eines größeren
Werkzusammenhangs oder steht jeder Roman für sich?
Wenn
ich die Gesamtheit meiner Bücher betrachte, muss ich sagen, nein, es
gibt kein übergreifende Projekt, jedes Buch ist ein anderes
Abenteuer. Eigentlich sind sie letzlich nicht so verschieden, weil
ich ja immer derjenige bin, der sie schreibt. Ich habe so meine
Vorlieben. So werden die Bücher am Ende immer ähnlich. Doch ich
versuche immer, neue Weg zu gehen. Jetzt schreibe ich etwas mit einer
Figur, die aus meinen früheren Bücher stammt, der Kazique
Cafúlcura, ich nenne ihn so, sein eigentlicher Name ist Calfucurá.
Ich habe das „l“ versetzt. Es ist ein von mir erfundener Kazike,
auch wenn ich Elemente seiner realen Biografie übernommen habe ...
...
Calfucucurá war ein Mapucheanführer aus Chille, der mit Tausenden
von Kriegern Teile der Pampa kontrollierte und immer wieder
argentinische Städte überfiel ...
.. ich
habe aus ihm einen Philosophen gemacht, einen Weisen, der ein wenig
verrückt und ein ziemlicher Säufer war. Ich habe vor, zwei oder
drei Romane über Cafulcurá zu schreiben über die Zeit, bevor er in
die argentinische Pampa übersiedelte. Viele Araukaner kamen aus
Chile über die Anden und blieben dann mehrere Generationen auf
argentinischer Seite. Mit Calfucurá zogen sie dann gen Norden in die
Pampa, als die Rinderwirtschaft ausgedehnt wurde, und sie gratis an
Essen kamen und schließlich ein großes Imperium beherrschten.
Wann
war das?
Im 19.
Jahrhundert. Das ganze wurde erst 1881 von General Roca mit dem
sogenannten Wüstenkampagne beendet, bei der die Araukaner in den
Süden vertrieben wurden.
Sie
recyceln also Figuren aus älteren Werken. In einem der jetzt
erschienen Essays schreiben Sie, Sie träumten davon, ein Romanschema
zu entwerfen, das Sie künftig nur noch zu füllen brauchen, um zu
schreiben ...
Die
Idee dahinter war eigentlich das Schema eines Romans zu nehmen, also
die Form, nicht den Inhalt, um mit dieser Form ganz andere Dinge
anzustellen, Autofahren zu lernen, zum Beispiel, oder Torten zu
backen.
Also
ein Schreiben, das sich verselbstständigt?
Tatsächlich
gibt es eine Art Automatismus in meinem Schreiben, aber nicht den
Automatismus des Unbewussten, sondern den der Außenwelt. Ich sehe
zum Beispiel zwei Männer mit vollem Haar und einen mit Glaze und der
mit der Glatze gibt Anweisungen. Wenn ich nun etwas über einen
chinesischen Supermarkt in Buenos Aires schreiben will, schreibe ich:
„Da waren zwei Männer mit vollem Haar und einen Glatzkopf, der
Befehle gab.“ Das hat nichts mit der Geschichte an sich zu tun,
sondern kommt von dem, was ich in dem Café beobachte, wo ich
schreibe. Dennoch füge ich nicht einfach nur eine Sache zu einer
anderen, sondern ich muss den Glatzkopf und die beiden Männer mit
vollem Haar wie in einem konventionellen Roman glaubwürdig
einführen.
Also
ist der konventionelle, gut geschriebene Roman wichtig als
Bezugsgröße?
Das
Ideale ist natürlich, dass der Schriftsteller seinen eigenen
Paradigma für Qualität erfindet. Wenn er den bereits durchgesetzten
Vorlagen von Qualität folgt, wird das einzige was er bekommt, eine
„guter Roman“ sein, also ein Roman mehr, von denen es so viele
gibt, und die diese deprimierenden Tische der Buchläden füttern,
die einem die Lust am Lesen verleiden. Aber seine eigenen Paradigmen
zu erfinden, ist selbstverständlich nicht so einfach,; diejenige,
die es tun, geben der Literaturgeschichte eine neue Wendung. Neue
Paradigmen zu erfinden bedeutet sich sich selbst neu zu erfinden.
Sie
haben bei Ihrer Rede zur Eröffnung des internationalen
literatufestivals berlin die Nutzlosigkeit der Literatur verteidigt.
Warum?
Die
Literatur hatte noch nie einen Nutzen, außer den, den Lesern, einer
winzigen Minderheit der Gesellschaft, Freude zu bereiten. Und aus
diesem Grund halte ich staatliche Kampagnen zur Förderung des Lesens
für absurd. Wenn Verleger und Autoren sagen, dass Lesen gut sei,
verstehe ich das, es ist schließlich ihr Geschäft. Wenn das aber
der Staat tut, ist es nicht zu Ende gedacht. Denn man braucht
Menschen, die arbeiten und produzieren, niemanden, der sich zu Hause
einschließt, um Romane zu schreiben. Zwar hilft Lesen, den Geschmack
zu verfeinern, einen intelligenter zu machen. Nur wer braucht diese
Eigenschaften? Wenn jemand einen verfeinerten Geschmack hat, dann
wird er zu einem Schmarotzer ...
… weil
er nicht funktional ist für das System?
Ja.
Gleichzeitig ist diese Nutzlosigkeit der Literatur der Schlüssel zu
ihrer Freiheit. Von dem Zeitpunkt an, in dem man der Literatur einen
Nutzen zuschreibt, verliert sie ihre Freiheit. Wenn man mir vorgibt,
ich solle zur Bildung der Jugend beitragen, dann kann ich schon nicht
mehr so schreiben, wie es mir gefällt: mit der ezessiven
Vorstellungskraft, dem ganzen Unsinn ... ich würde mir nur Gedanken
darüber machen, wie mein Schreiben zur Bildung beiträgt und schon
wäre ich eingeschränkt.
Wird
denn aber nicht gerade von Schriftsteller, die aus Lateinamerika
kommen, erwartet, dass sie sich politisch positionieren ...
Ich
sage immer allen im Vorfeld, dass ich weder über Politik, noch über
Fußball sprechen werde – zwei Dinge, die ich für sehr ähnlich
halte.
Inwiefern?
Wie
über Fußball und wie über Politik geredet wird, ist vergleichbar.
Ich lese etwa in einem Artikel: „Gabriela Michetti, die
Vizepräsidentin Argentinens, orientiert sich nach links, erhält
aber keine Unterstützung, und wenn sie vorrückt, hat sie nicht den
Rückhalt von ...“ Wenn man den Namen Michetti durch Messi
austauschst, funktioniert der Text genauso: „Messi hält sich
links, wird aber nicht angespielt, rückt dennoch vor ...“
Was
lesen Sie, wenn Sie keine Artikel über Fußball lesen?
Zurzeit
lese ich Bücher wieder, die ich vor dreißig Jahren gelesen habe.
Auch wenn ich mich an die Grundzüge des Buchs erinnere, ist das
erneute Lesen anders. Man liest aus der Perspektive von dem, was man
erlebt hat, mit dem Geschmack, den man entwickelt hat. Ich mag es,
Bücher wieder zu lesen, auch wenn ich mir das nicht ausgesucht habe:
Oft gehe ich in einen Buchladen und komme mit leeren Händen zurück,
weil das einzige Buch, das mich interessiert, eines ist, das ich
schon zu Hause habe.
Lesen
Sie auch die argentinischen Klassiker wie Julio Cortázar wieder?
Mit
Cortázar habe ich eine unangenehme Erfahrung gemacht. As ich 14, 15
war, las ich alles von ihm, weil alle jungen Argentinier Cortázar
lasen. Und es immer noch tun. Es ist ein Autor für diejenigen, die
mit der Literatur beginnen. Und diese Funktion erfüllt er sehr gut.
Ich las ihn mit extremer Bewunderung, besonders die Erzählung „Der
Verfolger“, eine lange Erzählung über Jazz-Musik, inspiriert von
Charly Parker, und „Die Vereinigung“, über das
Aufeinandertreffen von Che Guevara und Fidel Castro in der Sierra
Maestra. Beide Erzählungen hielt ich für das Größte. Als ich sie
wieder las, fand sie unglaublich schlecht. Wie war es möglich, dass
ich, als ich jung war, mich so täuschte – ich hatte damals ja
schon gute Sachen wie Borges gelesen? Ich glaube, ich habe eine
Antwort gefunden. Während ich Cortazár als Jugendlicher las, dachte
ich, es wäre gut, wenn nun das passierte, und es passierte. Cortázar
erriet meine Gedanken, die Gedanken eines 15-jährigen, der
Schriftsteller sein will. Darin liegt das Geheimnis der
Anziehungskraft, die Cortázar auf Jugendliche ausübt. Er errät ihr
Denken und schreibt, was sie schreiben wollen.
Welches
Buch haben Sie zuletzt in Argentinien veröffentlich?
Ein
Buch unter dem Titel „La invención del tren fantasma“ (auf
deutsch etwa: „Die Erfindung des Geisterzugs“). Es besteht aus
drei Teilen, die sich – nicht exakt gleich – wiederholen. Sie
handeln von einem Land, das eine Monokultur betrieibt. Im ersten Fall
ist es eine Monokultur von Linguisten. Da sie in anderen Länder
nachgefragt werden, kommen Devisen rein. Doch dann wechseln die
Linguisten zur Poesie. Die will aber niemand, das Land geht bankrott.
In der zweiten Erzählung passiert das gleiche, nur sind es
Ärchäologen, die antike Statuen ausgraben. Museen auf der ganzen
Welt kaufen sie, das Land lebt davon. Dann wechseln die Archäologen
zur Zeitgenössischen Kunst. Sie graben nun seltsame Apparate aus,
die niemand will und das Land geht wieder bankrott. In der dritten
Erzählungen malt ein Jugendlicher Kreise auf eine Wand. Viele Jahre
nach seinem Tod stellen die Leute fest, dass diese Zeichnungen Pläne
für einen Geisterzug sind. Das Land verkauft die Lizenz in alle
Welt, und der Wohlstand kehrt wieder in das kleine Land zurück. Für
mich sind das drei Prosagedichte über Makroökonomie.
Was
ist ihr nächstes Projekt?
Ich
werde für ein paar Jahre aufhören. Ich habe es satt, gesagt zu
bekommen, dass ich so viel veröffentliche, wie fruchtbar ich sei.
Seit vielen Jahren hat niemand mehr gesagt, dass meine Bücher gut
sind, nur dass es viele sind. Ich werde für lange Zeit nichts mehr
veröffentlichen. Das passt mir ganz gut, denn ich schreibe besser,
wenn ich nicht ans Veröffentlichen denke.
Eine
Veröffentlichung ist also eigentlich eher etwas Lästiges?
Nein,
mir gefällt das Objekt, das Buch. Aber jetzt gebe ich mich mit den
Übersetzungen zufrieden, die von überall herkommen, schöne
Objekte, die mich belohnen, in verschiedenen Sprachen, manche so
exotisch, dass ich auf dem Buchumschlag nicht mal meinen Geburtsort
Coronel Pringles lesen kann.
Mittwoch, 6. April 2016
Mein Leben ist einfach von Cecilia Pavón
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| Cecilia Pavón, 2003. Foto: Timo Berger |
Wenn es so einfach wäre, einfach zu
schreiben, dann könnte es jeder. Aber halt: Vielleicht liege ich
auch falsch, vielleicht schreibt Cecilia Pavón gar nicht einfach,
sondern es erscheint nur so – was wiederum noch schwieriger wäre.
Weil sich hinter dem Dahingesagten, dem vorgeblich Naiven, nicht nur
ein doppelter Boden, sondern in selbigem gleich noch eine Falltür
verbergen würde. So oder so, meine erste Begegnung mit Cecilia kam
unerwartet, wie durch eine Falltür in einem doppelten Boden. Die
Vorgeschichte: Ich studierte ein Jahr lang an der Universidad de
Buenos Aires. An den Ausgängen der Geisteswissenschaftlichen
Fakultät (einer ehemaligen Papierfabrik im Stadtteil Caballito)
verteilten studentische Politgruppen Flyer, von Zeit zu Zeit stand da
auch eine einzelne Frau, die eine Literaturzeitschrift verkaufte,
„Nunca, nunca quisiera irme a casa“ (Ich will nie, nie nach Hause gehen) lautete ihr Titel. Einmal,
als ich in Begleitung eines deutschen Freunds war, der mich eine
Woche in Argentinien besuchte, sprach sie mich direkt an, ich winkte
ab, mein Freund aber zeigte Interesse. Er verstand zwar nicht, was
die Verkäuferin ihm genau anbot (weil er kein Spanisch sprach), doch
auf meinen Hinweis – mein Freund spricht kein Spanisch, deswegen
macht es keinen Sinn für ihn, eine spanischsprachige
Literaturzeitschrift zu kaufen – entgegnete sie nur: oh, kein
Problem, die Hälfte der Zeitschrift besteht aus Zeichnungen und
schlug sie auf – und es stimmte. Die 7. Ausgabe der „Nunca,
nunca“ hatte ein großzügiges Design mit elegante langen Strichen
und Farbflächen. Mein Freund drückte der Verkäuferin schon das Geld in die Hand.
Anderthalb Jahre später, 2000, – ich
kam gerade aus Zivals, Corrientes und Callao, hatte dort Bücher
gekauft, unter anderem den Gedichtband „Alga“ von Gabriela
Bejerman – die Herausgeber neben Gary Pimiento besagter Zeitschrift
– traf ich mich mit einem Freund aus Liniers in dem traditionellen
spanischen Café La Girarlda auf der Corrientes. Am Nachbartisch saß
… Gabriela Bejerman, wie mir irgendwann auffiel. Ich kommentierte
dies dem Freund aus Liniers und erzählte, dass ich gerade ein Buch
von ihr gekauft hatte. Er forderte mich heraus – lachend wie es
seine Art war. Hey, du traust dich sicher nicht, sie um eine Widmung
zu bitten. Irgendwann war mir seine Aufzieherei genug und ich trat
etwas schüchtern an ihren Tisch. „Du wirst mich nicht kennen, aber
du hast einem deutschen Freund von mir mal deine Zeitschrift verkauft
und ich habe heute zufällig ein Buch von dir gekauft …“ Wir
sprachen ein wenig über die Zeitschrift, eine weitere Nummer sei in
Planung. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihr sagte, dass ich auch
Gedichte schrieb. Bring mir nächste Woche welche mit, sagte sie
jedenfalls und: „Gleiche Tag, gleicher Ort!“
Eine Woche später ließ sie mich die
Gedichte nicht einmal auspacken. Komm mit, ich muss dir jemanden
vorstellen, nahm mich mit nach draußen, wo ihr Auto geparkt war,
irgendwas zwischen Ente und Mini (hier trügt die Erinnerung ganz
sicher). Wir stiegen ein und fuhren los. Sie zündete einen Joint an,
Gras aus Paraguay, erklärte sie. Die Corrientes entlang waren wir in
wenigen Minuten in Almagro, ungefähr auf Höhe der Plaza bog sie ab,
nach rechts. Wir parkten neben einem Ladenlokal an der
Oktaederförmigen Straßenkreuzung: Die Galerie Belleza y Felicidad,
von der ich bis dahin nichts gehört hatte. Gabriela trat vor mir
ein, mehrere Menschen (darunter Washington Cucurto, der einzige, den
ich kannte) blickten mir erwartungsvoll ins Gesicht. Gabriela sagte:
„Ich habe euch Timo Berger mitgebracht. Er wird ja heute hier seine
Gedichte lesen ...“ Mir verschlug es die Sprache.
Nach der Lesung (Cucurto hatte mich ein
wenig beruhigt) aus Anlass einer Vernissage, lernte ich Cecilia Pavón
kennen, die zusammen mit Fernanda Laguna die Galerie leitete. Sie
hatte, wie ich nun erfuhr, Gedichte von mir gelesen. Wer allerdings
auf die Idee gekommen war, mich (im Rückblick gesehen) derart
charmant in die Galerie zu locken, weiß ich bis heute nicht. In der
„Nunca, nunca quisiera irme a casa“, erschienen die
Gedichte, die ich Gabriela mitbrachte, jedenfalls nie. Dafür
veröffentlichte Cecilia später ein paar meine Texte in einer
Zeitschrift und in fotokopierten und von Hand zusammengetackterten Heften, die sie in den Ediciones Belleza y
Felicidad herausgab. Als sich die Wirtschafts- und Währungskrise
2002 verschlimmerte, zog Cecilia für einige Zeit nach Berlin. Sie
schrieb ein Langgedicht über ein von ihr auf dem Flohmarkt
erstandenes gestohlenes Fahrrad, mit dem sie durch Berlin fuhr,
zusammen schrieben wir vierhändig Gedichte „No me importa el amor,
me importa la plata“ und ich eine Erzählung mit dem Titel
„Moldawien“. Das ist viele Jahre her. Vor ein paar Tagen stolperte ich im Netz über ein
Gedicht von ihr, das nun folgt:
Mi vida es sencilla,
está hecha de
1) un niño
2) un jardín
3) un circulo de sillas donde se reúne
la gente a hablar.
4) un departamento proletario en un
barrio proletario
5) una heladera que enfría mal
A la mañana, después de dejar a mi
hijo en la escuela, leo la revista GENTE que habla de la farándula
local tomando café de mala calidad en bares del barrio de Once.
Pero mi vida me encanta y mis ojos
están llenos del sol del salvaje tercer mundo,
Creo en lo antiguo y en el drama, por
eso lloro tanto, y a veces cuando paso por la Iglesia de San Expedito
prendo una vela verde y roja y pido algo, el otro día pedí paz,
una vez hace tres años pedí claridad
Estaba de novia con un crítico de arte
que me dejó, aunque en realidad no era un novio sino un psicópata.
Todos los días paso frente a un
mercado abandonado lleno de ratas donde está sentada una prostituta
y pienso que soy igual a ella.
En la iglesia de San Expedito hay una
gran mesa de metal llena de velas encendidas,
cuando las miro,
pienso en el infierno.
Pero mi vida mi encanta y hoy, a la
tarde, estaba segura de que este libro era un elixir
Jun 12th, 2015
Mein Leben ist einfach,
es besteht aus
1) einem Kind
2) einem Garten
3) einem Stuhlkreis, in dem man sich
trifft, um sich unterhalten.
4) einer proletarischen Wohnung in
einem proletarischen Viertel
5) einem Kühlschrank, der nicht
richtig kühlt
Morgens nachdem ich meinen Sohn in die
Schule gebracht habe, lese ich die Zeitschrift GENTE, über die
lokale Schickeria, die in Bars in Once schlecht gebrühten Kaffee
trinkt.
Aber mein Leben erfreut mich und meine
Augen sind voll mit der Sonne der wilden Dritten Welt,
ich glaube an das Antike und an das
Drama, deswegen weine ich so viel, und manchmal, wenn ich an der San
Expedito-Kirche vorbeikomme, zünde ich eine grün-rote Kerze an und
mache eine Fürbitte, neulich bat ich um Frieden,
einmal, vor drei Jahren, bat ich um
Klarheit.
Ich hatte einen Freund, der
Kunstkritiker war, der mich verließ, obwohl er eigentlich gar kein
richtiger Freund war, sondern ein Psychopath.
Jeden Tag komme ich an einem
verlassenen Markt voller Ratten vorbei, wo eine Prostituierte sitzt,
und ich denke, ich bin genau wie sie.
Ein
großer Metalltisch voll mit brennenden Kerzen steht in der San-Epedito-Kirche,
wenn ich sie betrachte,
denke ich an die Hölle.
Aber mein Leben erfreut mich und heute
Nachmittag war ich mir sicher, dass dieses Buch ein Elixir ist.
12. Juni 2015
Cecilia Pavón, geboren 1973 in
Mendoza, gründete 1999 mit Fernanda Laguna Belleza y Felicidad
(ByF), Geschenkladen, Galerie und Verlag. Sie veröffentlichte
Gedichtbände und Erzählungen, darunter: „Virgen“ (ByF), „Un
hotel con mi nombre“ (Ediciones del Diego), „Caramelos de anís“
(ByF), „Los sueños no tienen copyright“ und „27 poemas con
nombre de persona“ (Triana), sowie zusammen mit Fernanda Laguna
„Ceci y Fer“ (ByF).
Weiterlesen:
- Ehemaliger Blog von Cecilia Once Sur
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Nunca nunca quisiera irme a casa,
Universidad de Buenos Aires
Donnerstag, 26. November 2015
Wie im Stummfilm
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| The Driver |
Doch ich blickte gerne in den Rückspiegel auf die überwundenen Schlaglöcher. Genoss die holprige Fahrt, das Schweigen im Taxi, weil der Fahrer und ich keine gemeinsame Sprache hatten. Ich ließ die Bilder des Festivals an mir vorbeiziehen. Der Präsident, Svyatoslav Pomerantsev, der es im Prunksaal der Jurij-Fedkowytsch-Universität mit einem Selfie vor den Publikum eröffnet hatte. Die jungen Dichter wie Dmytro Kazakow oder Arsenij Tarasow, die über den Krieg sprachen. Die alten Dichter wie Borys Chersonskyj, die von einem anderen Krieg sprachen, der aus dem multikulturellen Czernowitz eine sowjetische Stadt gemacht hatte. Und dann der Whisky spät nach einer Lesung im Paul-Celan-Literaturzentrum und der Rotwein noch später in Serhij Zhadans Hotelsuite, die dem Schlagerstar Iwo Bobul gewidmet war, der Lieder wie „Die Seele des Brunnens“, „Mondrad“ und „Ich werde in die Ukraine zurückkommen“ geschrieben hat.
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| Off the records |
Celan – ein wenig der Grund, warum mir der Name Czernowitz vor meinem Besuch überhaupt etwas sagte. Und ja, seine poetologische Rede „Der Meridian“ ist Namensgeber des Festivals – und natürlich sitzt die Leitung desselben im Paul-Celan-Literaturzentrum an der Ul. Ohla Kobylianska, wenige Querstraßen von seinem Geburtshaus in der Ul. Saksahanskoho 5 entfernt, eigentlich einer Souterrain-Wohnung in einem leicht heruntergekommenen Hinterhaus. Kein Wunder, dass man jahrelang das pompöse Vorderhaus für Celans Geburtshaus hielt. Auch dies ein Zeichen, wie sehr die Brücken zwischen der Vergangenheit als habsburgische, als rumänische, als sowjetische Stadt und der ukrainischen Gegenwart ein fragiler Konstrukt sind: Es muss nicht nur erinnert werden an die einstige kulturelle Größe und Glanz, es müssen auch ganz reale Orte gefunden oder neu geschaffen werden. Denn der Großteil der Bevölkerung wurde im und nach dem 2. Weltkrieg ausgetauscht: deportiert, vertrieben, geflohen, umgesiedelt. Die Zuzügler mochten sich nach dem Krieg wie Schauspieler in Kulissen, die andere errichtet haben, gefühlt haben.
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| Dmytro Kazakow |
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| Czernowitz |
Donnerstag, 6. November 2014
Espuma sobre piedras von Wingston González
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| Wingston González 2014. Foto: Timo Berger |
Eine neue Übersetzung aus seinem neuesten Band "Espuma sobre piedra" (2014), die für das Goethe Institut México entstanden ist.
Mito de otro mismo
Era un niño artificial. Un
extraño niño artificial en una
especie de pradera plástica
Un niño destructor de todo lo
que tocaba, lo que le tocaba y
lo que, al final de la noche entra
a habitar su dos corazones
Ese niño era yo. Un fulano pequeño
que quería el hoy como se quiere
un puñado de diamantes
en la calavera de la abuela. O
como deseamos todos, por decir algo
llegar a fósil, al menos a gota
de ADN conservada en ámbar
en una jungla del Caribe
Ese chico soy yo. Una suerte
de paraíso maldito, edén recobrado
por una expansión que suelta las
riendas de su insignificante cólera
Preocupado por las palabras
mejor tratadas por otros, un
animal mediocre hilado a una
santidad invertida, a esta
presencia sin aura, sin arco
Qué mierda. Saber que morimos
no significa que morimos
Con los días la ceguera
me hace menos inmisericorde y
lloro por prados y nubes
El niño sospecha que un difunto
va de caminata en su pecho aún
deforme: Todo lo que está dentro
se halla más completo afuera
mucho mejor y a contraluz
Y con los días, se abalanza
sobre paz e insecticidas
y cree que el mar de Europa
es limbo helado por sus
sueños, un cerebro; que la radiación de
Júpiter es cosa de las palabras
que apenas sabe ordeñar
Ese niño seré yo. Una imagen
del Livingston del año 93:
los cartuchos se derriten con
el aliento venenoso del
cielo; las dos calles prin
cipales del pueblo tarta
mudean juntas una canción
que nadie ha querido
recordar siquiera; una casa de naipes
justo detrás de la sinagoga
se derrumba sin asombro ni
lámpara que cuide
la exactitud inofensiva
de la demolición. Sol de óxido
oxígeno en llamas, oh, dos
soles filtrados en la Historia
de la Cultura. ¿Ven? Qué
miserables lagartos
en una fuente de cemento
El río vidrioso tan cerca
de las estrellas despintadas
de un equipo de básquet
Y cree, sospecha, que con
los días que pasen podrá
sobrevivir al magnético
sonido de la gloria, la sim
pleza de la gloria, que
no sabrá apenas consiste
en lubricidades sencillas
en pájaros y alacranes
en adornos de papel deca
dentes y fiesta de cumpleaños
Llorar a secas y sin mucha
pasión las calles que alguien
borra de un mapa de escuela
Qué será del niño gótico
para el que la cultura
es una acumulación de ideas
provistas para ser borradas
por la entropía. Nada
escrito mármol, todo
a merced de una desconocida
energía que expande, que divide
las necedades de la gente
que mañana, a esta hora
habrá olvidado su propia
sangre congelada
Mythos des anderen Selbst
Er war ein unechter Junge. Ein
seltsam unechter Junge auf einer
Art Wiese aus Kunstrasen
Ein Junge, das alles zerstörte
was er berührte, was ihn berührte und
was am Ende des Tages in
seine zwei Herzen hineinschlüpfte
Jener Junge war ich. Ein Knirps
der das Heute liebte, wie man
eine Handvoll Diamanten
im Schädel seiner Großmutter liebt. Oder
wie wir uns, etwa, wünschen
es bis zum Fossil zu schaffen, zumindest zum DNA-
Tropfen, konserviert in Bernstein
im Dschungel der Karibik
Jener Junge bin ich. Ein ver-
wunschenes Paradies, der Garten Eden
wiedererlangt durch einen Ausbruch, der die Zügel
seines haltlosen Zorns schießen lässt
Er ist besorgt um die Worte
mit denen andre besser umgehen, ein
gewöhnliches Tier angebunden
an einen inversen Heiligen, an eine
Figur ohne Zauber, ohne Bogen
Was für ein Scheiß. Zu wissen, dass wir sterben
bedeutet nicht, dass wir sterben
Mit den Tagen lässt mich die Blindheit
weniger hart sein und
ich weine um Weiden und Wolken
Er fürchtet, dass ein Verstorbener
in seiner noch entstellten Brust
wandert: Alles, was in ihr ist
findet sich draußen vollständiger
besser und im Gegenlicht
Und mit den Tagen stürzt sich der Junge
auf den Frieden, auf Insektizide
und glaubt, dass Europas Meer
die von seinen Träumen vereiste
Vorhölle sei, ein Gehirn; dass die Strahlung des
Jupiters eine Sache der Worte sei
die es selten zu melken versteht
Jener Junge werde ich sein. Ein Bild
von Livingston im Jahr 1993:
die Callas vertrocknen
im giftigen Atem des
Himmels; die beiden Haupt
straßen der Stadt stot
tern zusammen ein Lied
an das sich gar niemand
erinnern wollte; ein Kartenhaus
genau hinter der Synagoge
stürzt in sich zusammen ohne Stauen, ohne
Lampe, die darüber wacht
dass der Abriss gefahrlos und sorgfältig
von statten geht. Rostrote Sonne
Sauerstoff in Flammen, oh, zwei
Sonnen scheinen durch die Geschichte
der Kultur. Seht ihr? Was für
bedauernswerte Kaimane
in einem Zementbrunnen
Und der glasige Fluss so nah
an den ausgeblichenen Sternen
eines Basketball-Teams
Und er glaubt, vermutet, dass es mit
den Tagen, die verstreichen, den
magnetischen Klang des Ruhms
überleben wird, die Ein
fachheit des Ruhms, der
– er weiß es nicht – nur aus
Schlüpfrigem besteht
aus Vögeln und Skorpionen
aus dekadenten Papiergirl
anden und Geburtstagsfeiern
Schlicht und einfach, ohne große Leiden
schaft über die Straßen weinen, die jemand
auf der Karte der Schule auslöscht
Was wird aus dem gotischen Jungen
für den die Kultur
ein Anhäufung von Ideen ist
dafür bestimmt,
in der Entropie aufzugehen. Nichts
ist in Marmor gemeißelt, alles
fällt einer unbekannten
Energie anheim, die die Dummheit
der Leute ausdehnt und teilt
die Morgen, um genau diese Uhrzeit
ihr eigenes erstarrtes Blut
vergessen haben werden
Wingston González wurde ist 1986 in Livingston, Guatemala, geboren. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht, unter anderem "san juan – la esperanza" und “Miss muñecas Vudu” (beide 2013 erschienen).
Weiterlesen:
- Porträt auf Cuenta Centroamérica (deutsch)
- Retrato auf Cuenta Centroamérica (espanol)
- Gedichte auf lyrikline.org
- Gedichte in poet, Nr. 16, Frühjahr 2014
Montag, 7. Juli 2014
Lob der Reptilien von Julio Carrasco
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| Julio Carrasco. Foto: Timo Berger |
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| Über dem Lustgarten 2011. Foto: Timo Berger |
Pequeña improvisación romántica
El nerviosismo me hizo comerme la uña del anular izquierdo
mientras revisaba por última vez el repertorio de mi examen de piano
Seguí tocando sin percatarme de que sangraba
y se mancharon tres o cuatro teclas del registro grave
Mi sangre sobre el piano me dije
Demoré unos cinco minutos en volver a la realidad
Esto sucedió hace algunos años, lo recordé porque
justo ayer, mientras fotocopiaba a la carrera los formularios
de un concurso de proyectos a punto de expirar
me corcheteé1 el pulgar sin darme cuenta
Caí en un lapsus al ver las páginas de los formularios
manchadas con sangre sobre la mesa de recepción
y sentí que debía escribir sobre aquella vez
cuando quedé ensimismado
mirando las teclas de un piano
manchadas con mi sangre
Kleine romantische Improvisation
Nervös wie ich war, kaute ich auf dem Nagel meines Ringfingers herum,
während ich das Repertoire meiner Klavierprüfung ein letztes Mal durchging
Ich spielte, ohne zu bemerken, dass ich blutete
und drei, vier Tasten in den tiefen Lagen besudelte
Mein Blut auf dem Klavier sagte ich zu mir selbst
Ich brauchte fünf Minuten, um wieder zu mir zu kommen
Das war vor ein paar Jahren. Gestern fiel es mir wieder ein
als ich wie ein Verrückter die Formulare für einen Antrag
fotokopierte, dessen Frist ablief, und mir dabei eine Klammer
in den Daumen tackerte, ohne es zu bemerken
Als mein Blick auf die Blutflecken an den Formularen
auf dem Tresen des Nachtportiers fiel, schweiften meine Gedanken ab
Mir wurde klar: Ich sollte über das andere Mal schreiben,
als ich gedankenverloren auf die Tasten
eines Klaviers blickte, die von meinem Blut
besudelt waren.
Julio Carrasco, geboren 1969 in Santiago de Chile, ist Musiker, Dichter und Ingenieur. Er hat in Kuba, Chile und Deutschland gelebt. Er hat die Gedichtbände „Despedidas Antárticas“ (Mercurio Aguilar, 2006), „Sumatra“ (Ediciones Tácitas) und „El Libro de los Tiburones“ (Editorial Cachiyuyo, 1995) verfasst. Er ist Mitglied des Künstlerkollektivs Casagrande, die besonders mit „Gedichtbombardments“ in Berlin, Warschau, London, Guernica, Dubrovnik und Santiago de Chile bekannt geworden sind. Er ist außerdem Sänger der Band Los Muebles.
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| Einige Gedichtbände von Julio Carrasco |
Weiterlesen:
- Aktuelles Interview
- letras.s5
- Casa Grande
- Video der "Bombardierung" mit Gedichten in London
- Video von Los Muebles, gedreht auf dem Tempelhofer Feld
Samstag, 15. Februar 2014
Nadia Escalante
| Nadia Escalante. Foto: Timo Berger |
Puerto Nuevo
Comimos langosta,
de espaldas al
mar,
sobre un tapanco.
(Yo no conocía
aquel sitio
ni había comido
langosta.)
Éramos los únicos
comensales.
Los músicos para
turistas se ofrecían.
No quisimos.
Tú no parabas de
hablar.
Dividimos la
langosta
–una mitad para
cada uno–
y las tortillas de
harina
de las que no
hacen en el sur.
(Yo nunca había
comido esas tortillas.)
Bajamos a la
playa;
la brisa
acariciaba una herida fresca.
Tirados frente al
mar y con los codos en la arena,
nos dividimos la
brisa
y la música para
turistas a lo lejos;
también dividimos
una separación
que se acercaba
–una mitad para
cada uno–
y el sonido de las
olas
para no tener que
hablar.
Puerto Nuevo
Wir aßen Languste
auf einer Empore
mit dem Rücken zum Meer.
Ich kannte weder den Ort
noch hatte ich jemals Languste
gegessen.)
Wir waren die einzigen Gäste.
Die Musiker für Touristen erboten
sich,
wir wollten nicht.
Du redetest ohne Punkt und Komma.
Wir teilten die Languste
– eine Hälfte für jeden von uns –
und die Weizentortillas
die man im Süden nicht macht.)
Wir gingen runter zum Strand;
die Brise streichelte eine frische
Wunde.
Das Meer vor uns, die Ellbogen im Sand,
teilten wir uns die Brise
und die Musik für Touristen aus der
Ferne;
wir teilten auch
eine Trennung, die näher kam
- eine Hälfte für jeden von uns –
und das Rauschen der Wellen,
um nicht sprechen zu müssen.
Weiterlesen:
- Die Gedichte, die gelesen wurden
- Mehr Gedichte von Nadia Escalante
- Interview mit Nadia Escalante
- Biografien aller Lesungsteilnehmer
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Donnerstag, 16. Januar 2014
Juan Gelman
| Juan Gelman auf der Frankfurter Buchmesse 2010. Foto: Timo Berger |
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