| Juan Gelman auf der Frankfurter Buchmesse 2010. Foto: Timo Berger |
Begegnungen mit Autor·innen aus Lateinamerika // Encuentros con autor@s de Latinoamérica
Donnerstag, 16. Januar 2014
Juan Gelman
Montag, 4. November 2013
El Salmón von Fabián Casas
| Fabián Casas auf seiner Terasse 2009. Foto: Timo Berger |
Im Juli 2013 erscheint ein Buch in Costa Rica erneut (und erreicht mich ein paar Monate später in Berlin), das mir viele Jahre zuvor, genauer gesagt 1999, von Daniel Durand in Buenos Aires mit auf den Rückweg nach Berlin gegeben wurde. Ich hatte ein Jahr in der argentinischen Hauptstadt studiert und um den Kontakt mit der Sprache und der dortigen Dichterszene nicht zu verlieren, hatte ich Daniel Durand gefragt, welchen Gedichtband er mir ins Deutsche zu übersetzen empfehlen würde. Er stand eine Weile zögernd vor seinem selbstgezimmerten und überbordernden Bücherregal. Dann zog er zielsicher einen Band heraus: "El salmón" von Fabián Casas. Das ist, glaube ich, leicht zu übersetzen, sagte er und reichte mir den Band, der in Luis Mangieris Verlag Libros de Tierra Firme erschienen war, mit der Zeichnung eines Lachs auf dem Buchtitel. Ich kannte den Autor nicht (wie ich später erfuhr, weilte er mit einem Stipendium genau in dem Jahr, in dem ich an der Universidad de Buenos Aires Letras studierte in Iowa und nahm an dem Writer's Programm teil). Casas zu übersetzen, war natürlich nicht so leicht wie angekündigt, aber es war eine dankbare, weil mich immer wieder von neuem beschäftigende Aufgabe. Den Autor selbst lernte ich 2000 bei meiner Rückkehr nach Buenos Aires kennen und das sollte der Beginn eines wunderbaren Austauschs über den Ozean hinweg sein. 2003 las Fabián Casas mit Cristian de Napoli, Damián Ríos, Cecilia Pavón und Paz Levinson und mir in der Casa de la Poesía. 2005 war er Gast von Salida al Mar, 2006 Gast der ersten Latinale in München und Berlin, 2007 konnte ich ihn als Juror für den Preis der Anna Seghers-Stiftung vorschlagen und er begleitete uns mit der Latinale 2007 nach Hamburg, 2009 erschien bei luxbooks eine von mir übersetzte Anthologie, die Texte aus allen seinen Gedichtbänden aufnimmt, und 2011 trafen wir uns auf der Buchmesse von Guadalajara wieder. Nicht zu vergessen: das kleine Büchlein, das Lofi, im Homepublishing irgendwann zwischen 1999 und 2000 auf einem geliehenen Laserdrucker das Licht der Welt erblickte. Der mallorquinische Fotograf Biel Salas steuerte die Fotos bei.
Hier ein Gedicht und meine Übersetzung ins Deutsche:
Mientras me lavo la cara
Darío, parado, grita y gesticula.
Bajo una frazada marrón
Daniel se ríe y habla de sus novias.
Están borrachos y los que gritan en la cocina,
como diputados,también.
Mi vieja, resucitada,
golpea las ventanas, pidiendo entrar.
Al amanecer, bajo una claridad despiadada;
cigarrillos, libros desperdigados,
platos con comida.
Camino, despacio, hasta el baño;
sé que la desgracia está sobre nosotros,
no ahora, tampoco el año próximo,
todavía somos jóvenes, pero eso
se pierde enseguida.
No tenemos nada, pienso,
mientras me lavo la cara,
ni un oficio, ni un a herencia,
ni una casa de sólida piedra.
Während ich mir das Gesicht wasche
Darío schreit und fuchtelt im Stehen.
Unter einer braunen Decke
lacht Daniel und spricht von seinen Bräuten.
Sie sind betrunken und die, die in der Küche
wie Abgeordnete schreien, auch.
Meine auferstandene Mutter klopft ans Fenster
und will reinkommen.
Bei Sonnenaufgang, in einer schonungslosen Klarheit:
Zigaretten, verstreute Bücher,
Teller mit Essen.
Ich gehe langsam bis zum Bad.
Ich weiß, dass das Unglück über uns kommt,
nicht jetzt, auch nicht nächstes Jahr.
Noch sind wir jung, aber das
verliert sich bald.
Wir besitzen nichts, denke ich,
während ich mir das Gesicht wasche,
weder einen Beruf, noch ein Erbe,
noch ein Haus aus festem Stein.
| El salmón in verschiedenen Ausgaben |
Fabian Casas wurde am 7. April 1965 im Stadtviertel Boedo in Buenos Aires geboren. Er veröffentlichte die Gedichtbände „Tuca“ (Bs. As., Tierra Firme, 1990), „El Salmón“ (Bs. As., Tierra Firme, 1996), „Oda“ (Bs. As., Tierra Firme, 2003) und „El Spleen de Boedo“ (Bahía Blanca, Vox, 2003). Außerdem den Roman „Ocio“ (Bs. As., Tierra Firme 2000) und die Bände mit Erzählungen „Cuatro Fantásticos“ (Bs. As., Belleza y Felicidad Tusquet 2003), „El Bosque Pulenta“ (Bs. As., Eloísa Cartonera 2003), „Los lemmings“ (Bs. As., Casa de la Poesía 2002), sowie mehrere Bände mit Essays.
Weiterlesen:
- Fabián Casas auf lyrikline.org
Montag, 14. Oktober 2013
La canción del oficio von Osvaldo Sauma
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| Osvaldo Sauma. Foto: Timo Berger |
Ratschläge für einen jungen Dichter
es reicht nicht, auf die Schultern
Satans zu steigen
den Himmel findest du dort nicht
sondern nur tief im Innern deiner selbst
Schlauheit führt dich nicht
zur dürren Unsterblichkeit
öffnet dir lediglich die Pforten des Ruhms
mach dir selbst nichts vor
lass dich nicht verführen
von den fuchsienfarbenen Lichtern
die die offiziellen Poeten verteilen
sie werden den Blut saugen
werden dich verwandeln
in einen Geck nach ihrem Bilde
sie werden dich lehren,
um die nötigen Beziehungen zu schachern
sag nicht Streitross statt Pferd
lass dich nicht vom Applaus betören
sag lieber Scheißstein
wie Jaime
wenn du über einen stolperst
und dass du ja nicht wie andere
moderne Dichter anstimmst
sowas hier:
Morgenstern, morgen Stern, Monster, er,
Sternenschlund,
der Farben gebiert, Narben und sofort.*
Consejos a un joven poeta
no basta con treparse
sobre las espaldas de Satanás
el cielo no está ahí
sino muy al fondo de vos mismo
la astucia no conduce
a la flaca imortalidad
tan sólo abre las puertas de la fama
no te traiconés
no te dejés seducir
por las luces fucsias
que reparten los poetas oficiales
te chuparán la sangre
te conventirán
en petulante a su semejanza
te enseñarán a traficar
todas las influencias necesarias
no digás corcel en vez de caballo
que no te tiente su aplauso
más bien decí pinche piedra
como Jaime
cuando te tropecés con una
y no se te ocurra cantar
como los otros poetas modernos
aquello de:
Lucero, luz cero, luz Eros,
la garaganta de la luz,
pare colores coleros, etcétera.*
* Jaime Sabines
| "La canción del oficio" von Osvaldo Sauma |
Osvaldo
Sauma, geboren in Costa Rica, ist Dichrer, war Dozent für kreatives Schreiben von 1981 bis 2010.
Er ist der Autor von mehreren Gedichtbänden, darunter "Las huellas del desencanto" (1983), "Retrato en familia"
(1985), "Asabis" (1993), "Madre nuestra
fértil tierra" (1997), "Bitácora del iluso" (2000) und "El libro del adiós" (2006). Gedichte von ihm wurden ins Englische, Französische, Portugiesische, Arabische und Hindi übersetzt.
Sonntag, 6. Oktober 2013
Hier drunter liegt was Besseres von Luis Chaves
| Luis Chaves, 2011. Foto: Timo Berger |
Die Frauen des Hauses
Die Frauen des Hauses schlafen
und ich mache mich ans Löschen.
Das hier war länger.
Sprach von Dingen
die unwichtig sind für ein Gedicht.
Da stand: Ari, Julia, Mariajo.
Jetzt nicht mehr.
Nur noch der schimmernde Bildschirm
in einem dunklen Zimmer
und drei Herzen, die schlagen
mit der langsamen Frequenz
der Träume.
Las mujeres de la casa
Duermen las mujeres de la casa
y vengo a borrar.
Esto era más largo.
Contaba cosas
que no le importan a un poema.
Decía Ari, Julia, Mariajo.
Ya no.
Sólo queda la luz del monitor
en un cuarto oscuro
y tres corazones latiendo
con la frecuencia lenta
de los sueños.
(aus: Luis Chaves. Debajo de esto hay algo mejor / Hier drunter liegt was Besseres. Gedichte. Aus dem costaricanischen Spanisch von Timo Berger. hochroth Verlag, Berlin, 2013)
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| Luis Chaves auf der Latinale 2011. Foto: Timo Berger |
Luis Chaves wurde 1969 in San José, Costa Rica geboren. Mit dem Band "Los animales que imaginamos" (1998) gewann er den „Premio Hispanoamericano de Poesía Sor Juana Inés de la Cruz 1997“, "Chan Marshall" (2005) wurde in Spanien mit dem „III Premio Fray Luis de León“ ausgezeichnet. Zuletzt wurde ihm für "La máquina de hacer niebla" (2012) der „Premio Nacional de Poesía 2012“ des Kulturministeriums von Costa Rica verliehen. Seit 2006 leitet er die Schreibwerkstatt Taller de Escritura Artesanal. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Zapote, San José.
Weiterlesen:
tetrabrik - Blog von Luis Chaves
Luis Chaves bei hochroth
Samstag, 31. August 2013
Seudo von Martín Gambarotta
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| Martín Gambarotta in seiner Küche 2003. Foto: Timo Berger |
"Da kannst du machen was du willst, der Sommer ist vorbei" – das Gute daran ist, die lesungslose Zeit ist vorbei. Literaturhäuser (größere und kleinere) öffnen ihre Pforten, Portale, die sich der Verbreitung von Lyrik in des Dichters Stimme widmen, werden neu aufgelegt und auch der Briefkasten füllt sich wieder mit Büchern. Gestern kam ein wunderbares Päckchen mit Büchern der Ediciones Liliputienses. Der Verleger (Dichter, Literaturkritiker und Dozent) José María Cumbreño hatte es selbst gepackt. Cumbreño kenne ich nicht persönlich noch nicht. Ich weiß nur: Er lebt in der kleinen Stadt Cáceres in der spanischen Provinz Extremadura fern ab der globalen Lyrikströme. Und gerade deshalb ist seine Unternehmung nicht nur nicht gewinnorientiert sondern auch äußerst aufregend. Im Verlagskatalog finden sich die spanischen Erstausgaben vieler zeitgenössischer lateinamerikanischer Lyriker wie Frank Baéz, Luis Chaves, Rocío Cerón, Laura Wittner, Edwin Madrid, Yanko González, Mónica de la Torre, Sergio Raimondi. Am meisten habe ich mich aber über „Seudo“ von Martín Gambarotta gefreut. Im Format etwas größer als die argentinische Originalausgabe von Ediciones VOX, dafür aber in schöner Typographie – und der zusätzliche Weißraum tut dem fragmentierte Langgedicht gut. Wie Cumbreño dazu kam dieses und die vielen anderen Gedichtbände „an der Peripherie der Peripherie“ (Selbstbeschreibung des Verlags) herauszugeben, wie er überhaupt auf die Autoren und die Texte kam, weiß ich nicht. Zu Martín Gambarotta, der auf seinem Autorenporträt die Augen zusammenkneift und mich an einen blinden Seher erinnert, fällt mir aber ein, wie ich ihn das erste Mal besucht habe. Wir saßen in der gekachelten Küche seines Apartments in Villa Crespo und tranken Mate. Keine von uns beiden sprach viel, Martin blickte oft schüchtern zur Seite. Ich hatte gerade „Seudo“ gelesen und machte ihm ein vorsichtiges Kompliment, indem ich das Format des Buches lobte, die kurzen, fragmentarischen Gedichte, die immer wieder ansetzten und Bilder, Bewegungen variierten. Und die man dennoch überall lesen könne, häppchenweise, im Bus, in der U-Bahn. Er lachte leise, sagte, ja, das hat man mir schon ein paar Mal so gesagt. Aber ich weiß nicht, seufzte er – und blickte mir dabei kurz in die Augen, als wollte er prüfen, ob ich es mit meinem Lob wirklich ernst meinte oder nur etwas nachplapperte, was ich irgendwo aufgeschnappt hatte. Ehe ich reagieren konnte, sah er schon wieder zur Seite und nahm einen weiteren Schluck Mate. Viel haben wir bei dieser Gelegenheit nicht mehr geredet. Doch das Buch zählt bis heute zu meinen Favoriten.
Gedichte aus „Seudo“, deren Übersetzungen in „Für einen Frühlingsplan“ bei Ediciones Vox in Bahía Blanca 2011 erschienen sind*
Was du verdreckst
wirst du putzen und auch
was du umschmeißt oder in die Ecken
kippst, das hier ist kein
Zuckerschlecken, brauchst
gar nicht meckern.
Todo lo que ensuciás
lo vas a limpiar y todo
lo que vuelques o tires
en el piso, esto no es
el paraíso, te aviso.
*
Wenn man zum ersten Mal eine Grapefruit
schneidet, an einem unbekannten Ort
mit einem Messer mit runder Spitze
und kurzer Schneide, im Grunde eher geeignet
um Butter zu streichen, erscheint die Grapefruit
fremder als die Welt, die sie umgibt
derart dass – wenn man sie vor dem Teilen
zu lange aufmerksam ansieht –
sie einlädt, in Panik zu verfallen.
Cuando se corta por primera vez
un pomelo en un lugar desconocido
con un cuchillo de punta redonda
y poco filo, más apto en realidad
para untar manteca, el pomelo se vuelve
más extraño que el mundo que lo rodea
de modo que mirarlo detenidamente
por demasiado tiempo antes de partirlo
es una invitación al pánico.
*
Es ist nicht das, was ich sagen
will, es ist fast das, was ich
sagen will, es ist
das neben dem,
was ich sagen will.
No es lo que quiero
decir es casi lo que
quiero decir es
lo que está al costado
de lo que quiero decir.
| Einige Bücher der Ediciones Liliputienses |
Martín Gambarotta wurde 1968 in Buenos Aires, Argentinien, geboren. 1996 veröffentlichte er den Gedichtband „Punctum“ (Libros de Tierra Firme). Als weitere Gedichtbände folgten „Seudo“ (Vox, 2000), „Relapso+Angola“ (Vox, 2005), „Refrito“ (Calabaza del Diablo, 2007), „Para un plan primaveral“ (Vox, 2011).
*Es gibt noch Restexemplare.
Weiterlesen:
Verlagsseite der Ediciones Liliputienses
Martín Gambarotta auf Lyrikline (Funktioniert erst nach dem Relaunch morgen)
Martín Gambarotta bei luxbooks
Dienstag, 20. August 2013
Sergio Raimondi in Berlin
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| Ingeniero White, der Hafen von Bahía Blanca. Foto: Timo Berger |
Der Dichter Sergio Raimondi in Lesung & Gespräch mit
Jorge Locane und Timo Berger
Donnerstag, 12. September, 20 Uhr.
Café-Buchhandlung La Rayuela, Südstern 2, 10961 Berlin.
Sprache: Dt./Sp. Im Anschluss lädt der Berenberg Verlag auf ein Glas Wein ein.
Eintritt frei
Immer wieder ist es der Hafen von Sergio Raimondis
Heimatstadt Bahía Blanca, der in seinen Gedichten zum Ausgangspunkt der
lyrischen Erkundung einer Welt wird, die über die Grenzen Argentiniens und
Südamerikas weit hinaus reicht. Im Wörterbuch dieses großartigen Dichters
werden Verkehrsrouten, Produktionsanlagen und Erfindungen, mit denen der Mensch
seinen Planeten durchrastert und durchrechnet hat, zum Ausgangspunkt einer weit
fliegenden, in der literarischen Form gleichwohl streng gehandhabten Betrachtung
der Welt und ihrer Verwandlung. Alle Motive, die diesen Versen ihr Thema geben,
münden in einen lyrisch gefassten Gedanken darüber, wie der Mensch in diesen
modernen Zeiten lebt.
Sergio Raimondi: Für ein kommentiertes Wörterbuch. Aus dem
Spanischen von Timo Berger (Berenberg Verlag, Berlin, 2012)
Organisiert von alba – lateinamerika lesen in Zusammenarbeit
mit dem Verlag Berenberg.
Unterstützt von der Argentinischen Botschaft in Berlin
***
Lectura y conversación del poeta argentino Sergio Raimondi
con
Timo Berger y Jorge Locane
Jueves 12 de septiembre, 20 hrs.
Café-Librería La Rayuela, Südstern 2, 10961 Berlín. Idioma:
esp./al. Vino de honor: gentileza de la editorial Berenberg. Entrada libre y
gratuita
El puerto de Bahía Blanca, ciudad natal de Sergio Raimondi,
se impone como punto de partida para la exploración lírica de un mundo que
sobrepasa ampliamente los límites de Argentina y Sudamérica. En el diccionario
de este excepcional poeta, las rutas de transporte, las plantas de producción y
los inventos tecnológicos con los cuales los seres humanos han racionalizado y
sometido los planetas se convierten en disparador para un examen del mundo y
los modos de gestionarlo. Un tipo de operación que se permite amplios vuelos
sin abandonar una rigurosidad que se manifiesta incluso en la forma. Todos los
motivos que aportan algo a estos versos confluyen en una reflexión poética
acerca de cómo vive el ser humano en estos tiempos modernos.
Organizan alba – leyendo latinoamerica en
colaboracion con la Editorial Berenberg. Patrocinado por la Embajada Argentina
en Berlín
Montag, 12. August 2013
Von der Beiläufigkeit des Büchermachens: Besuch bei hochroth
| Schneiden |
| Stanzen |
| Noch mal schneiden |
| An der Papier-Guillotine |
| Der 2-D-Drucker. Fotos: Timo Berger |
| Noch ein paar fertige Bücher ... |
hochroth versteht sich laut Selbstaussagen als Modellprojekt zur alternativen Verlagsszene. Der Verlag will alternative Arten des Publizierens ausprobieren und weitere Verlagsinitiativen anregen. hochroth setzt trotz e-book und online-publishing auf das Buch als haptischen Genuss. Inzwischen ist ein europaweites Netzwerk mit Dependancen in Budapest, Paris und Riga entstanden.
Weiterlesen:
Verlagswebseite von hochroth
Verlagsnetzwerk von hochroth
Sonntag, 4. August 2013
Karateka von Clara Muschietti
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| Clara Muschietti. Foto: Estela Fares |
Heute erreichen mich zwei Bücher, die sowohl die Absenderin als auch ich schon als verschollen wähnten. Gut sechs Wochen waren sie unterwegs, lagen vermutlich als "verdächtige" Einschreiben (Zertifiziert) beim Zoll. Keiner kann sagen ob auf dem diesigen oder dem hiesigen Ufer des Atlantiks. Trotz dieser langen Verweildauer im Trockendock konservieren die Gedichtbände - einmal aus dem Umschlag gezogen und aufgeschlagen - dennoch Erinnerungen. Das eine Buch, veröffentlicht 2007, riecht nach einer alten, vollgestapelten Bibliothek, die Seiten sind feucht und mir schlägt unvermittelt Modergeruch entgegen. Das andere duftet wie eine frisch gewischte Küche, das typische artifiziell-scharfe Putzmittel der aufstrebenden (und daher besonders hygienebewussten) Mittelschicht. Ein ganzer olfaktorischer Kosmos tut sich auf und ich habe noch keinen Vers in den beiden Bänden gelesen! Wie mag die Autorin wohl sein? Wie ist ihre Wohnung, ihre Bibliothek? Wie geht sie mit Büchern um? Kocht sie viel und gerne oder bestellt sie alles beim Chinesen oder Peruaner um die Ecke? Hat sie eine Femme de Ménage mit einer Vorliebe für aggressive Grundputzmittel oder räumt sie selbst auf? Wir kennen uns nicht persönlich, aber wie heutzutage so oft, wurden einander durch gemeinsame Freunde empfohlen: "Das musst du unbedingt lesen, sonst bist du out". Und in der Tat: Hatte ich einmal die Geruchsschranke überwunden, hörte ich nicht auf Clara Muschietti zu lesen und übersetzte schon bald (in progress) das erste Fragment eines Zyklus aus "Karateka", das im Anschluss wiedergegeben wird.
Taquicardia
No puede haber viento más fuerte que este.
Afuera las hojas revueltas, adentro
la certeza: todo esto va a terminarse.
Nos vamos, en algún momento vamos a irnos. Y por ahora
sólo dejamos gran parte de nuestra cabellera oscura
en una peluquería moderna. No queríamos.
No sabemos si correr o quedarnos,
no sabemos si mentías.
No sabemos si mentíamos.
Ese gato me acompaña indiscriminadamente, le agradecemos tanto pero
él nos agradece su conversión doméstica,
techo y comida a cambio de ser una pequeña sombra blanca de mi cuerpo
que también es blanco y pequeño.
Pensamos en las peores enfermedades,
y lloramos,
nos miramos el cuerpo meticulosamente
nos examinamos con rigor sin ciencia
ya estamos seguras
vamos a morirnos.
Si llegamos a viejas vamos a estar agradecidas.
Si mañana sale el sol vamos a estar agradecidas.
Si mañana la casa queda sin catástrofe vamos a estar agradecidas.
El cuerpo pesa menos se lo atribuimos a la enfermedad que nos atribuimos.
Más miedo tenemos, más amamos la vida.
A lo lejos unas figuras humanas,
no distingo a nadie, no hay nombres
ni fechas de nacimiento,
¿serán mis hermanos?
De muy cerca las caras se deforman,
se vuelven accesibles.
Tu cara está, cuando me levanto está, cuando me acuesto está,
cuando duermo está. Tu cara de lejos,
mi cuerpo de lejos me resulta
irreconocible, las imágenes que me diste
me distrajeron, se nos veía realmente felices.
De cerca soy yo, de lejos parezco mi madre.
No podemos saber si esto va a durar, no podemos saber hasta qué día,
en qué hora exacta vamos a despedirnos.
El día que caigamos definitivamente va a ser uno,
no sabemos cuál. Ojalá haya sol
y que estemos todos grandes.
No puede haber sol más fuerte que éste,
mi piel se enrojece, mi corazón ya estaba.
Ahora parecemos todos grandes, madre
y usted no se parece a la de las fotos,
nosotros todavía nos adivinamos en esa gente de vida corta.
La verdad de los corazones es improbable.
No sé si a la noche, cuando estoy sola
en la cama, tengo taquicardia, no sé si es eso
o es el eco de mi vida retumbando en el silencio.
No hay suelo más seguro que este.
Cuerpo a tierra.
Al ras del mundo, todos los pies son demasiado lo mismo.
Entraste a la pieza y me dijiste “estás acostada”
quise decirte que estaba aplastada pero no me pareció prudente. Fingí dormir.
Te fuiste caminando muy lento, sin hacer ningún ruido, como
negando la propia vida.
Te lo quise agradecer pero tenía que seguir dormida, si no ibas a pensar que habías fallado.
De tarde dormir es otra cosa.
Herzjagen
Es kann nicht noch schlimmer stürmen.
Draußen die aufgewirbelten Blätter, drinnen
die Gewissheit: All das geht vorüber.
Wir werden gehen, irgendwann werden wir gehen.
Und jetzt
trennen wir uns erst mal von dem Großteil unserer schwarzen Haare
bei einem hippen Friseur. Wir wollten es nicht.
Wir wissen nicht, ob wir davonrennen sollen oder bleiben,
wissen nicht, ob du gelogen hast.
Wir wissen auch nicht, ob wir gelogen haben.
Dieser Kater weicht nicht von meiner Seite – egal was passiert, wir sind ihm so dankbar aber
er dankt uns mit seiner Verwandlung zum Haustier,
Dach und Futter im Austausch dafür, ein kleiner
weißer Schatten meines Körper zu sein,
der ebenfalls weiß und klein ist.
Wir durchstehen die schlimmsten Krankheiten,
und weinen,
wir betrachten unsere Körper eingehend
wir untersuchen uns sorgfältig und ohne Sachverstand
und sind uns sicher
wir werden bald sterben.
Wenn wir dennoch alt werden, werden wir dankbar sein.
Wenn Morgen die Sonne herauskommt, werden wir dankbar sein.
Wenn sich Morgen Zuhause keine Katastrophe ereignet, werden wir dankbar sein.
Der Körper wiegt weniger,
wir führen es auf die Krankheit zurück, die wir uns andichten.
Umso mehr Angst wir haben, desto mehr lieben wir das Leben,
In der Ferne einige menschliche Gestalten,
ich erkenne niemanden, es gibt weder Namen
noch Geburtsdaten,
sind es meine Geschwister?
In nächster Nähe verformen sich die Gesichter,
werden greifbar.
Dein Gesicht ist da, wenn ich aufwache, wenn ich mich hinlege,
wenn ich schlafe. Dein Gesicht in der Ferne,
mein Körper in der Ferne ist
nicht wiederzuerkennen, die Bilder, die du mir gabst,
lenkten mich ab, man hielt uns für glücklich.
Aus der Nähe bin ich es, aus der Ferne sehe ich wie meine Mutter aus.
Wir wissen nicht, ob das andauern wird, wir können
nicht wissen an welchem Tag,
zu welcher Stunde genau wir uns verabschieden werden.
Der Tag, an dem wir endgültig abnippeln werden, wird ein Tag sein,
aber wir wissen nicht welcher. Hoffentlich scheint die Sonne
und wir sind alle schon alt.
Die Sonne kann nicht stärker scheinen als heute,
meine Haut wird rot, mein Herz war es schon.
Jetzt sehen wir alle alt aus, Mutter,
Sie sehen nicht so aus wie die auf den Fotos,
wir wähnen uns immer noch in diesem Leuten mit kurzen Leben-
Die Wahrheit der Herzen ist unwahrscheinlich.
Ich weiß nicht, ob ich nachts, wenn ich allein im Bett
liege, Herzjagen habe, ich weiß nicht, ob es das ist
oder der Widerhall meines Lebens in der Stille.
Es gibt keinen festeren Boden als den hier.
Körper auf der Erde.
Auf der Höhe der Welt sind alle Füße viel zu sehr dasselbe.
Du kamst ins Zimmer und sagtest: „du schläfst ja“
ich wollte sagen, ich bin nur platt, aber ich hielt es für keine gute Idee. Tat so, als ob ich schliefe.
Du bist sehr langsam gegangen, ohne eine Geräusch zu machen, als
ob du das Leben selbst negiert hättest.
Ich wollte dir danken, musste mich aber weiter
schlafend stellen, sonst hättest du gedacht, du hättest versagt.
Es ist was anderes zu schlafen, wenn es spät ist.
Clara Muschietti wurde 1978 geboren. Sie ist Fotografin, Autorin und Schauspielerin. Sie hat zwei Gedichtbände veröffentlicht “La campeona de nado” (iRojo, Buenos Aires, 2007) und „Karateka“ (El fin de la noche, Buenos Aires, 2010). Gedichte von ihr erschienen in der Anthologie „Poetas argentinas 1968-1980“ (ediciones del dock, Buenos Aires, 2007).
Weiterführende Links:
Clara Muschietti liest ...
Blog von Clara Muschietti
Dienstag, 23. Juli 2013
Für ein kommentiertes Wörterbuch von Sergio Raimondi
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| Sergio Raimondi, 2008 in Ingeniero White, Sonnenuntergang im argentinischen Winter. Foto: Timo Berger |
Vergangenes Jahr durfte ich mich mehrere Monate mit Sergio Raimondis in Argentinien noch unveröffentlichtem aktuellen Manuskript beschäftigen und gemeinsam mit ihm Gedichte auswählen für eine Übersetzung ins Deutsche. Diese erschienen im August 2012 dann im Berliner Berenberg-Verlag und schaffte es Anfang 2013 auf den ersten Platz der Weltempfänger Bestenliste. Für Sergio Raimondis Gedichte begeistere ich mich aber als Leser und Übersetzer schon länger. Zum ersten Mal begegneten mir die Texte 2003 in Buenos Aires. Eine befreundete Dichterin, Cecilia Pavón, bei der ich damals zwei Wochen wohnte, drückte mir den Band "Poesía Civil" in die Hand und sagte in ihrer immer leicht ironischer Art: Das musst du lesen, man sagt, es sei enorm wichtig. Ich las die Gedichte oder versuchte es. Sie waren voller Fachvokabeln, die sich mir nicht sofort erschlossen, der Satzbau war teilweise ungewöhnlich "latinisiert", die Bilder oft dunkle Metaphern bisweilen Oxymora. Die Gedichte selbst wie opake Kolumnen aufs Blatt gesetzt. Und doch sprachen die Gedichte von etwas was jenseits der poetischen Tradition und des Fokus der meisten zeitgenössischen Dichter lag: vom Alltag der Krabbenpuler, von den Hochseetrawlern und von den den petrochemischen Anlagen in Ingeniero White, dem Hafen von Bahía Blanca - der Stadt, in der Sergio Raimondi wohnt.
Sergios aktuelles Projekt ist ebenso außergewöhnlich und hat den Titel "Para un diccionario crítico de la lengua", auf Deutsch in etwa: "Beiträge zu einem kommentierten Wörterbuch" Einen dieser Beiträge, der nicht bei Berenberg, dafür aber bald zusammen mit anderen noch unveröffentlichten Gedichten Raimondis Anfang Oktober in der Literaturzeitschrift alba* erscheint und mir sehr gut gefällt, folgt nun hier.
W para designar nombres y lugares
distantes. En inicio de palabra provoca
la mueca incómoda de quien pronuncia
con la duda flagrante de lo no propio,
salvo en el caso del estudioso que ve
la ocasión justa para marcar
diferencia
y tuerce y contorsiona entonces labios
como si se dispusiera a besarse a sí
mismo. Aunque se deletree doble ve
y en la hoja se dibuje un molde de
flan,
la pronunciación estudiosa se resiste
a marcar la distancia no sólo
geográfica
y suaviza con sutileza Vagner para
obviar
el escándalo de un Wagner barbarizado
pero más justo con esa música militar
acostumbrada a gritos y explosiones,
si bien cabe destacar que
transcripciones
como en el caso de wagon, aquí vagón,
o como en watt, aquí vatio, son
acordes
en su simplificación a la hora de
señalar
nuestra posición lateralizada y menor
en el marco de la economía mundial.
W dient der Bezeichnung fremder Orte
und Namen. Am Wortanfang, bringt es
den Sprecher dazu, sein Gesicht zu
verziehen,
zu stocken: Das kenn ich doch gar
nicht!
Ganz anders den Gelehrten,
der den
Augenblick gekommen sieht, sich von den
anderen abzuheben, und seine Lippen
schürzt,
vorstülpt, als würde er sich gleich
selbst
küssen. Auch wenn man es als
Doppel-Vau
buchstabiert und wie ein
Puddingförmchen
malt, weigert sich die gehobene Aussprache,
die nicht nur geografische Ferne zum We
anzuerkennen, sonder macht den Vagner gar
noch weicher, um einen verhunzten Wagner
zu vermeiden - was aber dessen
militärischer,
von Schreien und Explosionen satter
Musik
eher gerecht würde; wenngleich man
im Gegenzug anmerken müsste, dass
Umschriften wie bei Waggon, hier vagón,
oder bei Watt, hier vatio, nützlich
sind, weil
sie in ihrer Vereinfachung auf unsere
Lage
am Rande der Weltwirtschaftsordnung
verweisen.
| Poesía Civil, Für ein kommentiertes Wörterbuch und Zivilpoesie von Sergio Raimondi |
Sergio Raimondi, geboren 1968 in Bahía Blanca, Argentinien, ist Schriftsteller und Professor für Zeitgenössische Literatur an der Universidad del Sur. Er lebt in Bahía Blanca, wo er seit 2011 auch Kulturdezernent ist.
Weiterführende Links // Enlaces:
Gespräch über die Übersetzung von Sergios Gedichten
Berenberg Verlag
Sergio liest vor auf der lyrikline.org
Latin.log
fixpoetry
*alba - lateinamerika lesen ist eine Zeitschrift, die ich 2011 angeregt von Guillermo Bravo gründen helfen durfte, und die sich der Verbreitung junger lateinamerikanischer Literatur verschrieben hat. Zwei der drei Ausgaben sind hier als E-Papier nachzulesen.
Mittwoch, 17. Juli 2013
Ruta Dos von Daniel Calabrese
![]() |
| Daniel Calabrese 2010 in Masaya, Nicaragua. Foto: Timo Berger |
Posición
Soy el mozo que me atiende,
el tipo que me cuida el auto,
la vieja que lava mi ropa.
Y todos los días, un poco,
aquellos ojos que miran desde lejos.
Soy el jefe victorioso,
ese que ordena mi vida y sus necesidades,
pero soy también un perro modesto
que merodea por la plaza
y a veces el carcelero que tiene el aura
muy chica, pegada a su cabeza.
En general, soy todos ellos
cuando tengo los ojos cerrados.
Haltung
Ich bin der Kellner, der mich bedient,
der Kerl, der auf mein Auto aufpasst,
die Alte, die meine Wäsche wäscht.
Und jeden Tag ein wenig jene Augen,
die mich aus der Ferne betrachten.
Ich bin der erfolgreiche Chef,
der mein Leben ordnet und meine Bedürfnisse
aber ich bin auch der unscheinbare Hund,
der um den Platz streunt
und manchmal der Wärter, dessen Aura
winzig ist und ihm am Schädel klebt.
Im Großen und Ganzen bin ich sie alle,
wenn meine Augen geschlossen sind.
| Der neue Gedichtband "Ruta Dos". Dahinter "Oxidario" von 2001. |
Daniel Calabrese, geboren 1962 in Dolores (Provinz Buenos Aires) lebt seit 1991 in Santiago de Chile. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlich. Seine Gedichte wurden ins Englische und Japanische übersetzt. Er betreut die Veröffentlichungen des Verlags RIL editores in Santiago de Chile.
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