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Nadia Escalante. Foto: Timo Berger |
Mexiko-City, im Herbst 2013. Die blaue Stunde bricht an. Auf dem Trottoir vor dem Goethe Institut in der Colonia Roma versammelt sich eine Handvoll Dichterinnen und Dichter für eine Lesung: Sara Uribe, Paula Abramo, Óscar De Pablo, Nadia Escalante, Maricela Guerrero, Luis Felipe Fabre, Luis Alberto Arellano. Als letzter trudelt Alejandro Albarrán ein – es fehlt nur noch Rocío Cerón, doch die soll im Rückstau des Feierabendverkehrs im Bundesdistrikt steckenbleiben und es auch bis zum Ende der Veranstaltung nicht schaffen). Einige der Mexikaner kenne ich schon persönlich, weil sie Gäste des Festivals
Salida al Mar oder der
Latinale waren, andere habe ich bisher nur online gelesen. Das letzte Tageslicht wird für ein Gruppenfoto verbrannt. Etwas Konversation. Abtasten. Schüchterne Umarmungen. Dann geht es schon nach drinnen. In der Bibliothek im Erdgeschoss des Goethe-Instituts wird Wein ausgeschenkt. Verabredet ist eine „Expresslesung“ – jeder Dichter liest nur zwei Gedichte, es gibt weder einleitende Worte noch Moderation (biografische Angaben können mithilfe der eigenen elektronischen Gadgets recherchiert oder in einer à la occasion erstellten Minipublikation nachgelesen werden). Ein Lesungskonzept, das Maricela Guerrero vorgeschlagen hat, und mich auf Anhieb überzeugt hat. Ich sitze auf einem Barhocker, meine zwei Gedichte schon gelesen, und blicke in die Augen eines aufmerksamen Publikums. Es geht blitzschnell weiter. Poetiken, Styles, Timbres und Haltungen wechseln sich ab. Die mexikanischen Poeten werden ihrem Ruf als begnadete Entertainer gerecht. Und ernten verdienten Applaus für ihre Wortkaskaden, ihre humorvollen Selbstkasteiungen, ihre Loops mit minimalen Variationen und treffsicheren Pointen. Eine fällt mir auf, weil sie etwas leiser auftritt, verhaltener liest:
Nadia Escalante. Wieder in Deutschland – lese ich ihre Gedichte ein zweites Mal und finde eines davon in seiner Schlichtheit schlicht großartig. Es folgt weiter unten – auch wenn mir im Augenblick gar nicht nach Melancholie zumute ist, ich aber zugegebenermaßen jetzt gerne in Baja California am Strand säße – wie Ihr sicher auch ...
Puerto Nuevo
Comimos langosta,
de espaldas al
mar,
sobre un tapanco.
(Yo no conocía
aquel sitio
ni había comido
langosta.)
Éramos los únicos
comensales.
Los músicos para
turistas se ofrecían.
No quisimos.
Tú no parabas de
hablar.
Dividimos la
langosta
–una mitad para
cada uno–
y las tortillas de
harina
de las que no
hacen en el sur.
(Yo nunca había
comido esas tortillas.)
Bajamos a la
playa;
la brisa
acariciaba una herida fresca.
Tirados frente al
mar y con los codos en la arena,
nos dividimos la
brisa
y la música para
turistas a lo lejos;
también dividimos
una separación
que se acercaba
–una mitad para
cada uno–
y el sonido de las
olas
para no tener que
hablar.
Puerto Nuevo
Wir aßen Languste
auf einer Empore
mit dem Rücken zum Meer.
Ich kannte weder den Ort
noch hatte ich jemals Languste
gegessen.)
Wir waren die einzigen Gäste.
Die Musiker für Touristen erboten
sich,
wir wollten nicht.
Du redetest ohne Punkt und Komma.
Wir teilten die Languste
– eine Hälfte für jeden von uns –
und die Weizentortillas
die man im Süden nicht macht.)
Wir gingen runter zum Strand;
die Brise streichelte eine frische
Wunde.
Das Meer vor uns, die Ellbogen im Sand,
teilten wir uns die Brise
und die Musik für Touristen aus der
Ferne;
wir teilten auch
eine Trennung, die näher kam
- eine Hälfte für jeden von uns –
und das Rauschen der Wellen,
um nicht sprechen zu müssen.
Nadia Escalante wurde in Mérida, Bundesstaat Yucatán in Mexiko vor 31 Jahren geboren. Sie war Stipendiatin der Fundación para las Letras Mexicanas (2008 bis 2009 und 2009 bis 2010) und des Fondo Nacional para la Cultura y las Artes, in der Kategorie „Jóvenes Creadores“ (2012-2013). Ihr erster Gedichtband „Adentro no se abre el silencio“ wurde 2010 vom Fondo Editorial Tierra Adentro veröffentlicht.
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aller
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