Donnerstag, 8. Juni 2017

"Ich werde für ein paar Jahre aufhören"

César Aira, 2012. Foto: Timo Berger
Ich dokumentiere ein Gespräch mit César Aira, das ich im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin 2016 geführt habe. Die Lateinamerika Nachrichten haben einen Auszug aus dem Gespräch gedruckt. César Aira und ich hatten einen guten Nachmittag zusammen. Ich zwar etwas gestresst zu unserem Termin, weil mein Diktiergerät just an jenem Tag den Geist aufgab, und ich "on the fly" no eines kaufen musste, mit dem ich natürlich nicht vertraut war. Aber César Aira war in der Lobby eines Hotels in der Nähe des Kudamm tief entspannt und brachte mich schnell auf andere Gedanken. Nach dem Interview bat er mich, noch ein wenig mit ihm spazieren zu gehen. Wir machten einige erratische Bewegungen in verschiedene Himmelsrichtungen, gelangten schließlich - wie auch immer - auf das Dach des Bikinihaus. Dort fand eigentlich eine private Feier statt - wir taten so, als ob wir des Englischen nicht mächtig wären, und genossen die Aussicht auf die Paviane.

Herr Aira, Ihr gerade auf Deutsch erschienen Essayband „Duchamps in Mexiko“ beginnt damit, dass Sie sich darüber ärgern, in Mexiko-Stadt in eine Touristenfalle geraten zu sein. Man bekommt den Eindruck, dass Sie nicht gerne reisen?

Wenn ich reise, dann hasse ich den Ort, an dem ich bin und will so schnell wie möglich wieder in den Flieger steigen. Die Reise nach Mexiko hatte mich sehr deprimiert, und um die Traurigkeit zu zu überwinden, habe ich getan, was ich dann immer tue: Bücher kaufen. Es war ein Buch über Marcel Duchamp. Am nächsten Tag sah ich dasselbe Buch in einem anderen Laden, aber zwei Peso billiger. Ich dachte, hätte ich dieses Exemplar gekauft, hätte ich jetzt zwei Peso mehr und würde ich noch ein anderes, drei Peso billigeres Exemplar kaufen, dann hätte ich insgesamt schon 5 Peso gespart, und fände ich immer mehr, immer billigere Bücher, dann wäre ich irgendwann reich. Solche seltsame Ideen kommen mir!

Mit dieser Idee haben Sie dann den Essay „Duchamp in Mexiko“ geschrieben, der einer trügerischen Logik folgt, ähnlich wie die, die dem Paradoxon von Achilles und der Schildkröte zu grundeliegt.

Ich spiele gerne mit dem Unendlichen, mit unendlichen Reihen. Das habe ich von Borges.

Und warum interessieren Sie sich ausgerechnet für Duchamp?

Duchamp gehörte zu den ersten Dingen, die in mir große Neugier weckten. Er ist rätselhaft, sein Werk unendlich interpretierbar. Eines der ersten Bücher, das ich mir kaufte, als ich mit 18 aus Coronel Pringles zum Studieren nach Buenos Aires ging, war eine Sammlung seiner Schriften unter dem Titel „Marchamp Ducel“, ein Wortspiel mit seinem Namen. Von da an wurde mir Duchamps zu einer Gewohnheit, einem Hobby. An die hundert Bücher über ihn habe ich zu Hause. Einmal hat er ein sehr spezielles Selbstproträt aufgenommen. Von vorne, aber das Gesicht nach unten geneigt, er sieht fast aus wie ein Totenschädel. Er gab ihm den Titel „Duchamp at the age of 85 years“. Ich habe ein Buch, das nur von diesem Foto handelt. Wenn Duchamps genossen hat, dann findet sich ein Buch über das Niesen von Duchamp. Mir wird nie Material fehlen für mein Hobby.

Duchamp hat mit seiner Idee des Readymades die westliche Kunst revolutioniert …

Er war der Vater von dem, was wir heute zeitgenössische Kunst nennen, der Concep Art. Er hat alles gemacht, hat sich in Frauenkleidern fotografiert, Performance aufgeführt. Parfum kreiert. Er hat sich permanent verändert – eine Eigenschaft, die mir an Künstlern gefällt: Immer wieder hat er einen neuen Weg eingeschlagen. Ich wünschte, meine Bücher wären ebenso.

Das zweite Buch, der von Ihnen gerade in Deutschland in einer Neuübersetzung erschienen ist, „Eine Episode im Leben des Reisemalers“ handelt ebenfalls von einem Künstler: Moritz Rugendas, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Südamerika bereiste und Land und Leute in beeindruckenden Tableaus festhielt. Was fasziniert Sie an der Figur des Rugendas?

Der erste Satz meines Buchs lautet: „Es hat im Westen nur wenige wirklich gute Reisemaler gegeben.“ Das spielt auf den Osten an, auf Japaner und Chinesen, wo es wirklich gute Reisemaler gegeben hat. Im Westen arbeiteten die meisten Künstler im Atelier. Anders Rugendas: Er unternahm seine erste Reise nach Südamerika im Alter von 19, 20 als Zeichner einer von Georg Heinrich von Langsdorf angeführten Expedition nach Brasilien. Mich fasziniert diese Figur des jungen Menschen, der in die Welt hinausgeht, bis dahin fast unbekannte Landstriche erkundet. Seine Erlebnisse zeichnete er auf, transformiert sie aber, machte aus ihnen Kunst. In einer Biografie über Moritz Rugendas stieß auf die Episode von seiner zweiten Reise nach Südamerika, die ich in meinem Buch erzähle.

Rugendas querte die Anden von Chile nach Argentinien, weil er den Wunsch hatte, die Pampa zu sehen. Dabei wird sein Pferd vom Blitz getroffen und er selbst schwer verletzt. Gab es diesen Unfall tatsächlich?

Ja, Rugendas blieb für den Rest seines Lebens ein nervöser Tick. Zugegeben, ich übertreibe das ganze im Buch ein wenig, bei mir ist er nach dem Unfall eine Art Monster. Aber was mir an der ganzen Episode am Besten gefällt ist das Ende. Rugendas wollte immer einen Indianerüberfall erleben, um ihn malen zu können. Und dann greifen die Indianer just in dem Moment an, in der er sich auf einer Estancia in Mendoza aufhällt. Trotz seines schlechten Gesundheitszustands skizzierte er die Gefechte. Und am Abend ging er zum Indianerlager und fertigte von ihnen Porträts an. Wie ein Regisseur: Zuerst nimmt er die Totalen auf, dann macht er die Nahaufnahmen.

Und die Indios ließen ihn gewähren?

Er kam ihnen harmlos vor mit seinem Bleistift ... Was mir an diesem Teil von Rugendas Reise auch gefällt, ist Kraus, dass ihn sein Freund begleitet. Denn die einzig wahre argentinische Passion ist die Freundschaft. Vor allem, wenn der Freund – selbst auch Maler weiß, dass er weniger Talent hat – ihm dennoch treu folgt und hilft. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich mit dem Roman nicht sehr zufrieden bin, er ist ziemlich konventionell geschrieben. Er scheint aber der erfolgreichste meiner Romane zu sein.

Viele Teile Argentiniens wurden zum ersten Mal von ausländischen Reisenden beschrieben ... umgekehrt schreiben Sie auch, wenn Sie auf Reisen sind?

Es gibt ein regelrechte Genre, die Berichte englischer Reisender in Patagonien, angefangen von Darwin. Ich habe einige dieser Bücher ins Spanische übersetzt. Wenn ich reise, schreibe ich nicht. Als Schriftsteller bin ich ein komplett sesshaftes Wesen. Ich habe meine Routine in den Cafés von Flores. Für mich muss jeder Tag gleich verlaufen. So habe ich eine neutrale Erfahrung, auf deren Grundlage ich meiner Fantasie freien Lauf lassen kann. Wenn ich an anderen Orten bin, funktioniert das bei mir nicht.

Gehen Sie beim Schreiben von einer besonderen Erfahrung aus?

Nein, „Duchamp in Mexiko“ ist eine Ausnahme. Normalerweise schöpfe ich meine Inspirationen aus der Lektüre, der Betrachtung von Kunstwerken oder aus dem Fernsehen, aus trivialen Komödien, manchmal auch aus bizarren Zeichentrickserien. Das mische ich dann mit Borges. Wenn ich dann schreibe, brauche ich doch etwas Persönliches, etwas, das mich selbst berührt, denn sonst bleibt es nur ein reines Spiel mit Ideen – was mir ein wenig banal vorkommt. Zu viel Persönliches will ich aber auch nicht hineingeben, sonst kippt es ins Sentimentale, ins Pathetische, Autobiografische. Es muss eine Balance geben zwischen der seltsamen Logik des Achilles und der Schildkröte und meinen persönlichen Dingen, die normalerweise versteckt sind, dem Text aber Kraft geben.

Man sagt, Sie hätten mittlerweile mehr als 80 Bücher veröffentlicht. Denken Sie dabei die Bücher als Teil eines größeren Werkzusammenhangs oder steht jeder Roman für sich?

Wenn ich die Gesamtheit meiner Bücher betrachte, muss ich sagen, nein, es gibt kein übergreifende Projekt, jedes Buch ist ein anderes Abenteuer. Eigentlich sind sie letzlich nicht so verschieden, weil ich ja immer derjenige bin, der sie schreibt. Ich habe so meine Vorlieben. So werden die Bücher am Ende immer ähnlich. Doch ich versuche immer, neue Weg zu gehen. Jetzt schreibe ich etwas mit einer Figur, die aus meinen früheren Bücher stammt, der Kazique Cafúlcura, ich nenne ihn so, sein eigentlicher Name ist Calfucurá. Ich habe das „l“ versetzt. Es ist ein von mir erfundener Kazike, auch wenn ich Elemente seiner realen Biografie übernommen habe ...

... Calfucucurá war ein Mapucheanführer aus Chille, der mit Tausenden von Kriegern Teile der Pampa kontrollierte und immer wieder argentinische Städte überfiel ...

.. ich habe aus ihm einen Philosophen gemacht, einen Weisen, der ein wenig verrückt und ein ziemlicher Säufer war. Ich habe vor, zwei oder drei Romane über Cafulcurá zu schreiben über die Zeit, bevor er in die argentinische Pampa übersiedelte. Viele Araukaner kamen aus Chile über die Anden und blieben dann mehrere Generationen auf argentinischer Seite. Mit Calfucurá zogen sie dann gen Norden in die Pampa, als die Rinderwirtschaft ausgedehnt wurde, und sie gratis an Essen kamen und schließlich ein großes Imperium beherrschten.

Wann war das?

Im 19. Jahrhundert. Das ganze wurde erst 1881 von General Roca mit dem sogenannten Wüstenkampagne beendet, bei der die Araukaner in den Süden vertrieben wurden.

Sie recyceln also Figuren aus älteren Werken. In einem der jetzt erschienen Essays schreiben Sie, Sie träumten davon, ein Romanschema zu entwerfen, das Sie künftig nur noch zu füllen brauchen, um zu schreiben ...

Die Idee dahinter war eigentlich das Schema eines Romans zu nehmen, also die Form, nicht den Inhalt, um mit dieser Form ganz andere Dinge anzustellen, Autofahren zu lernen, zum Beispiel, oder Torten zu backen.

Also ein Schreiben, das sich verselbstständigt?

Tatsächlich gibt es eine Art Automatismus in meinem Schreiben, aber nicht den Automatismus des Unbewussten, sondern den der Außenwelt. Ich sehe zum Beispiel zwei Männer mit vollem Haar und einen mit Glaze und der mit der Glatze gibt Anweisungen. Wenn ich nun etwas über einen chinesischen Supermarkt in Buenos Aires schreiben will, schreibe ich: „Da waren zwei Männer mit vollem Haar und einen Glatzkopf, der Befehle gab.“ Das hat nichts mit der Geschichte an sich zu tun, sondern kommt von dem, was ich in dem Café beobachte, wo ich schreibe. Dennoch füge ich nicht einfach nur eine Sache zu einer anderen, sondern ich muss den Glatzkopf und die beiden Männer mit vollem Haar wie in einem konventionellen Roman glaubwürdig einführen.

Also ist der konventionelle, gut geschriebene Roman wichtig als Bezugsgröße?

Das Ideale ist natürlich, dass der Schriftsteller seinen eigenen Paradigma für Qualität erfindet. Wenn er den bereits durchgesetzten Vorlagen von Qualität folgt, wird das einzige was er bekommt, eine „guter Roman“ sein, also ein Roman mehr, von denen es so viele gibt, und die diese deprimierenden Tische der Buchläden füttern, die einem die Lust am Lesen verleiden. Aber seine eigenen Paradigmen zu erfinden, ist selbstverständlich nicht so einfach,; diejenige, die es tun, geben der Literaturgeschichte eine neue Wendung. Neue Paradigmen zu erfinden bedeutet sich sich selbst neu zu erfinden.

Sie haben bei Ihrer Rede zur Eröffnung des internationalen literatufestivals berlin die Nutzlosigkeit der Literatur verteidigt. Warum?

Die Literatur hatte noch nie einen Nutzen, außer den, den Lesern, einer winzigen Minderheit der Gesellschaft, Freude zu bereiten. Und aus diesem Grund halte ich staatliche Kampagnen zur Förderung des Lesens für absurd. Wenn Verleger und Autoren sagen, dass Lesen gut sei, verstehe ich das, es ist schließlich ihr Geschäft. Wenn das aber der Staat tut, ist es nicht zu Ende gedacht. Denn man braucht Menschen, die arbeiten und produzieren, niemanden, der sich zu Hause einschließt, um Romane zu schreiben. Zwar hilft Lesen, den Geschmack zu verfeinern, einen intelligenter zu machen. Nur wer braucht diese Eigenschaften? Wenn jemand einen verfeinerten Geschmack hat, dann wird er zu einem Schmarotzer ...

weil er nicht funktional ist für das System?

Ja. Gleichzeitig ist diese Nutzlosigkeit der Literatur der Schlüssel zu ihrer Freiheit. Von dem Zeitpunkt an, in dem man der Literatur einen Nutzen zuschreibt, verliert sie ihre Freiheit. Wenn man mir vorgibt, ich solle zur Bildung der Jugend beitragen, dann kann ich schon nicht mehr so schreiben, wie es mir gefällt: mit der ezessiven Vorstellungskraft, dem ganzen Unsinn ... ich würde mir nur Gedanken darüber machen, wie mein Schreiben zur Bildung beiträgt und schon wäre ich eingeschränkt.

Wird denn aber nicht gerade von Schriftsteller, die aus Lateinamerika kommen, erwartet, dass sie sich politisch positionieren ...

Ich sage immer allen im Vorfeld, dass ich weder über Politik, noch über Fußball sprechen werde – zwei Dinge, die ich für sehr ähnlich halte.

Inwiefern?

Wie über Fußball und wie über Politik geredet wird, ist vergleichbar. Ich lese etwa in einem Artikel: „Gabriela Michetti, die Vizepräsidentin Argentinens, orientiert sich nach links, erhält aber keine Unterstützung, und wenn sie vorrückt, hat sie nicht den Rückhalt von ...“ Wenn man den Namen Michetti durch Messi austauschst, funktioniert der Text genauso: „Messi hält sich links, wird aber nicht angespielt, rückt dennoch vor ...“

Was lesen Sie, wenn Sie keine Artikel über Fußball lesen?

Zurzeit lese ich Bücher wieder, die ich vor dreißig Jahren gelesen habe. Auch wenn ich mich an die Grundzüge des Buchs erinnere, ist das erneute Lesen anders. Man liest aus der Perspektive von dem, was man erlebt hat, mit dem Geschmack, den man entwickelt hat. Ich mag es, Bücher wieder zu lesen, auch wenn ich mir das nicht ausgesucht habe: Oft gehe ich in einen Buchladen und komme mit leeren Händen zurück, weil das einzige Buch, das mich interessiert, eines ist, das ich schon zu Hause habe.

Lesen Sie auch die argentinischen Klassiker wie Julio Cortázar wieder?

Mit Cortázar habe ich eine unangenehme Erfahrung gemacht. As ich 14, 15 war, las ich alles von ihm, weil alle jungen Argentinier Cortázar lasen. Und es immer noch tun. Es ist ein Autor für diejenigen, die mit der Literatur beginnen. Und diese Funktion erfüllt er sehr gut. Ich las ihn mit extremer Bewunderung, besonders die Erzählung „Der Verfolger“, eine lange Erzählung über Jazz-Musik, inspiriert von Charly Parker, und „Die Vereinigung“, über das Aufeinandertreffen von Che Guevara und Fidel Castro in der Sierra Maestra. Beide Erzählungen hielt ich für das Größte. Als ich sie wieder las, fand sie unglaublich schlecht. Wie war es möglich, dass ich, als ich jung war, mich so täuschte – ich hatte damals ja schon gute Sachen wie Borges gelesen? Ich glaube, ich habe eine Antwort gefunden. Während ich Cortazár als Jugendlicher las, dachte ich, es wäre gut, wenn nun das passierte, und es passierte. Cortázar erriet meine Gedanken, die Gedanken eines 15-jährigen, der Schriftsteller sein will. Darin liegt das Geheimnis der Anziehungskraft, die Cortázar auf Jugendliche ausübt. Er errät ihr Denken und schreibt, was sie schreiben wollen.

Welches Buch haben Sie zuletzt in Argentinien veröffentlich?

Ein Buch unter dem Titel „La invención del tren fantasma“ (auf deutsch etwa: „Die Erfindung des Geisterzugs“). Es besteht aus drei Teilen, die sich – nicht exakt gleich – wiederholen. Sie handeln von einem Land, das eine Monokultur betrieibt. Im ersten Fall ist es eine Monokultur von Linguisten. Da sie in anderen Länder nachgefragt werden, kommen Devisen rein. Doch dann wechseln die Linguisten zur Poesie. Die will aber niemand, das Land geht bankrott. In der zweiten Erzählung passiert das gleiche, nur sind es Ärchäologen, die antike Statuen ausgraben. Museen auf der ganzen Welt kaufen sie, das Land lebt davon. Dann wechseln die Archäologen zur Zeitgenössischen Kunst. Sie graben nun seltsame Apparate aus, die niemand will und das Land geht wieder bankrott. In der dritten Erzählungen malt ein Jugendlicher Kreise auf eine Wand. Viele Jahre nach seinem Tod stellen die Leute fest, dass diese Zeichnungen Pläne für einen Geisterzug sind. Das Land verkauft die Lizenz in alle Welt, und der Wohlstand kehrt wieder in das kleine Land zurück. Für mich sind das drei Prosagedichte über Makroökonomie.

Was ist ihr nächstes Projekt?

Ich werde für ein paar Jahre aufhören. Ich habe es satt, gesagt zu bekommen, dass ich so viel veröffentliche, wie fruchtbar ich sei. Seit vielen Jahren hat niemand mehr gesagt, dass meine Bücher gut sind, nur dass es viele sind. Ich werde für lange Zeit nichts mehr veröffentlichen. Das passt mir ganz gut, denn ich schreibe besser, wenn ich nicht ans Veröffentlichen denke.

Eine Veröffentlichung ist also eigentlich eher etwas Lästiges?

Nein, mir gefällt das Objekt, das Buch. Aber jetzt gebe ich mich mit den Übersetzungen zufrieden, die von überall herkommen, schöne Objekte, die mich belohnen, in verschiedenen Sprachen, manche so exotisch, dass ich auf dem Buchumschlag nicht mal meinen Geburtsort Coronel Pringles lesen kann.

Mittwoch, 6. April 2016

Mein Leben ist einfach von Cecilia Pavón

Foto: Timo Berger
Cecilia Pavón, 2003. Foto: Timo Berger
Wenn es so einfach wäre, einfach zu schreiben, dann könnte es jeder. Aber halt: Vielleicht liege ich auch falsch, vielleicht schreibt Cecilia Pavón gar nicht einfach, sondern es erscheint nur so – was wiederum noch schwieriger wäre. Weil sich hinter dem Dahingesagten, dem vorgeblich Naiven, nicht nur ein doppelter Boden, sondern in selbigem gleich noch eine Falltür verbergen würde. So oder so, meine erste Begegnung mit Cecilia kam unerwartet, wie durch eine Falltür in einem doppelten Boden. Die Vorgeschichte: Ich studierte ein Jahr lang an der Universidad de Buenos Aires. An den Ausgängen der Geisteswissenschaftlichen Fakultät (einer ehemaligen Papierfabrik im Stadtteil Caballito) verteilten studentische Politgruppen Flyer, von Zeit zu Zeit stand da auch eine einzelne Frau, die eine Literaturzeitschrift verkaufte, „Nunca, nunca quisiera irme a casa“ (Ich will nie, nie nach Hause gehen) lautete ihr Titel. Einmal, als ich in Begleitung eines deutschen Freunds war, der mich eine Woche in Argentinien besuchte, sprach sie mich direkt an, ich winkte ab, mein Freund aber zeigte Interesse. Er verstand zwar nicht, was die Verkäuferin ihm genau anbot (weil er kein Spanisch sprach), doch auf meinen Hinweis – mein Freund spricht kein Spanisch, deswegen macht es keinen Sinn für ihn, eine spanischsprachige Literaturzeitschrift zu kaufen – entgegnete sie nur: oh, kein Problem, die Hälfte der Zeitschrift besteht aus Zeichnungen und schlug sie auf – und es stimmte. Die 7. Ausgabe der „Nunca, nunca“ hatte ein großzügiges Design mit elegante langen Strichen und Farbflächen. Mein Freund drückte der Verkäuferin schon das Geld in die Hand.

Anderthalb Jahre später, 2000, – ich kam gerade aus Zivals, Corrientes und Callao, hatte dort Bücher gekauft, unter anderem den Gedichtband „Alga“ von Gabriela Bejerman – die Herausgeber neben Gary Pimiento besagter Zeitschrift – traf ich mich mit einem Freund aus Liniers in dem traditionellen spanischen Café La Girarlda auf der Corrientes. Am Nachbartisch saß … Gabriela Bejerman, wie mir irgendwann auffiel. Ich kommentierte dies dem Freund aus Liniers und erzählte, dass ich gerade ein Buch von ihr gekauft hatte. Er forderte mich heraus – lachend wie es seine Art war. Hey, du traust dich sicher nicht, sie um eine Widmung zu bitten. Irgendwann war mir seine Aufzieherei genug und ich trat etwas schüchtern an ihren Tisch. „Du wirst mich nicht kennen, aber du hast einem deutschen Freund von mir mal deine Zeitschrift verkauft und ich habe heute zufällig ein Buch von dir gekauft …“ Wir sprachen ein wenig über die Zeitschrift, eine weitere Nummer sei in Planung. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihr sagte, dass ich auch Gedichte schrieb. Bring mir nächste Woche welche mit, sagte sie jedenfalls und: „Gleiche Tag, gleicher Ort!“

Eine Woche später ließ sie mich die Gedichte nicht einmal auspacken. Komm mit, ich muss dir jemanden vorstellen, nahm mich mit nach draußen, wo ihr Auto geparkt war, irgendwas zwischen Ente und Mini (hier trügt die Erinnerung ganz sicher). Wir stiegen ein und fuhren los. Sie zündete einen Joint an, Gras aus Paraguay, erklärte sie. Die Corrientes entlang waren wir in wenigen Minuten in Almagro, ungefähr auf Höhe der Plaza bog sie ab, nach rechts. Wir parkten neben einem Ladenlokal an der Oktaederförmigen Straßenkreuzung: Die Galerie Belleza y Felicidad, von der ich bis dahin nichts gehört hatte. Gabriela trat vor mir ein, mehrere Menschen (darunter Washington Cucurto, der einzige, den ich kannte) blickten mir erwartungsvoll ins Gesicht. Gabriela sagte: „Ich habe euch Timo Berger mitgebracht. Er wird ja heute hier seine Gedichte lesen ...“ Mir verschlug es die Sprache.

Nach der Lesung (Cucurto hatte mich ein wenig beruhigt) aus Anlass einer Vernissage, lernte ich Cecilia Pavón kennen, die zusammen mit Fernanda Laguna die Galerie leitete. Sie hatte, wie ich nun erfuhr, Gedichte von mir gelesen. Wer allerdings auf die Idee gekommen war, mich (im Rückblick gesehen) derart charmant in die Galerie zu locken, weiß ich bis heute nicht. In der „Nunca, nunca quisiera irme a casa“, erschienen die Gedichte, die ich Gabriela mitbrachte, jedenfalls nie. Dafür veröffentlichte Cecilia später ein paar meine Texte in einer Zeitschrift und in fotokopierten und von Hand zusammengetackterten Heften, die sie in den Ediciones Belleza y Felicidad herausgab. Als sich die Wirtschafts- und Währungskrise 2002 verschlimmerte, zog Cecilia für einige Zeit nach Berlin. Sie schrieb ein Langgedicht über ein von ihr auf dem Flohmarkt erstandenes gestohlenes Fahrrad, mit dem sie durch Berlin fuhr, zusammen schrieben wir vierhändig Gedichte „No me importa el amor, me importa la plata“ und ich eine Erzählung mit dem Titel „Moldawien“. Das ist viele Jahre her. Vor ein paar Tagen stolperte ich im Netz über ein Gedicht von ihr, das nun folgt:



Mi vida es sencilla,

está hecha de

1) un niño

2) un jardín

3) un circulo de sillas donde se reúne la gente a hablar.

4) un departamento proletario en un barrio proletario

5) una heladera que enfría mal

A la mañana, después de dejar a mi hijo en la escuela, leo la revista GENTE que habla de la farándula local tomando café de mala calidad en bares del barrio de Once.

Pero mi vida me encanta y mis ojos están llenos del sol del salvaje tercer mundo,

Creo en lo antiguo y en el drama, por eso lloro tanto, y a veces cuando paso por la Iglesia de San Expedito prendo una vela verde y roja y pido algo, el otro día pedí paz,

una vez hace tres años pedí claridad

Estaba de novia con un crítico de arte que me dejó, aunque en realidad no era un novio sino un psicópata.

Todos los días paso frente a un mercado abandonado lleno de ratas donde está sentada una prostituta y pienso que soy igual a ella.

En la iglesia de San Expedito hay una gran mesa de metal llena de velas encendidas,

cuando las miro,

pienso en el infierno.

Pero mi vida mi encanta y hoy, a la tarde, estaba segura de que este libro era un elixir

Jun 12th, 2015



Mein Leben ist einfach,

es besteht aus

1) einem Kind

2) einem Garten

3) einem Stuhlkreis, in dem man sich trifft, um sich unterhalten.

4) einer proletarischen Wohnung in einem proletarischen Viertel

5) einem Kühlschrank, der nicht richtig kühlt

Morgens nachdem ich meinen Sohn in die Schule gebracht habe, lese ich die Zeitschrift GENTE, über die lokale Schickeria, die in Bars in Once schlecht gebrühten Kaffee trinkt.

Aber mein Leben erfreut mich und meine Augen sind voll mit der Sonne der wilden Dritten Welt,

ich glaube an das Antike und an das Drama, deswegen weine ich so viel, und manchmal, wenn ich an der San Expedito-Kirche vorbeikomme, zünde ich eine grün-rote Kerze an und mache eine Fürbitte, neulich bat ich um Frieden,

einmal, vor drei Jahren, bat ich um Klarheit.

Ich hatte einen Freund, der Kunstkritiker war, der mich verließ, obwohl er eigentlich gar kein richtiger Freund war, sondern ein Psychopath.

Jeden Tag komme ich an einem verlassenen Markt voller Ratten vorbei, wo eine Prostituierte sitzt, und ich denke, ich bin genau wie sie.

Ein großer Metalltisch voll mit brennenden Kerzen steht in der San-Epedito-Kirche,

wenn ich sie betrachte,

denke ich an die Hölle.

Aber mein Leben erfreut mich und heute Nachmittag war ich mir sicher, dass dieses Buch ein Elixir ist.


12. Juni 2015


Cecilia Pavón, geboren 1973 in Mendoza, gründete 1999 mit Fernanda Laguna Belleza y Felicidad (ByF), Geschenkladen, Galerie und Verlag. Sie veröffentlichte Gedichtbände und Erzählungen, darunter: „Virgen“ (ByF), „Un hotel con mi nombre“ (Ediciones del Diego), „Caramelos de anís“ (ByF), „Los sueños no tienen copyright“ und „27 poemas con nombre de persona“ (Triana), sowie zusammen mit Fernanda Laguna „Ceci y Fer“ (ByF).

Weiterlesen:

- Ehemaliger Blog von Cecilia Once Sur

Donnerstag, 26. November 2015

Wie im Stummfilm

The Driver
Im Rückspiegel verschwanden die letzten Häuser von Czernowitz, die Reklametafeln und Schornsteine. Und auch die drei Tage, an denen ich Gedichte hörte und las, den schizophrenen Alltag eines Landes erlebte, in dem ein unerklärter Krieg tobt. Mehr als drei Stunden brauchte ich mit dem Taxi ins 135 Kilometer entfernte Iwano-Frankivsk, wo ich den Bus nach Lemberg nehmen sollte. An jenem Sonntag fuhr der Zug erst spät, sodass ich das Flugzeug über Wien nach Berlin verpasst hätte. Czernowitz, die historische Hauptstadt der Bukowina, liegt fernab der europäischen Verkehrsrouten, die Überlandstraße H10 war eine einzige Katastrophe.
Doch ich blickte gerne in den Rückspiegel auf die überwundenen Schlaglöcher. Genoss die holprige Fahrt, das Schweigen im Taxi, weil der Fahrer und ich keine gemeinsame Sprache hatten. Ich ließ die Bilder des Festivals an mir vorbeiziehen. Der Präsident, Svyatoslav Pomerantsev, der es im Prunksaal der Jurij-Fedkowytsch-Universität mit einem Selfie vor den Publikum eröffnet hatte. Die jungen Dichter wie Dmytro Kazakow oder Arsenij Tarasow, die über den Krieg sprachen. Die alten Dichter wie Borys Chersonskyj, die von einem anderen Krieg sprachen, der aus dem multikulturellen Czernowitz eine sowjetische Stadt gemacht hatte. Und dann der Whisky spät nach einer Lesung im Paul-Celan-Literaturzentrum und der Rotwein noch später in Serhij Zhadans Hotelsuite, die dem Schlagerstar Iwo Bobul gewidmet war, der Lieder wie „Die Seele des Brunnens“, „Mondrad“ und „Ich werde in die Ukraine zurückkommen“ geschrieben hat.
Off the records
Zwischen Modellen der Lieblingsgitarre, bekannten CDs und Fotografien des Sängers erzählte Serhij in einen Bademantel gehüllt eine Anekdote über Iwo Bobul nach der anderen, die ich – der ukrainischen Sprache nicht mächtig – nicht verstand. Doch ich liebte dieses Gefühl, eingetaucht in eine Welt zu sein, in der mir alle wie Schauspieler in einem Stummfilm vorkamen. Bei den Lesungen auf dem Festival bekamen wir dagegen zwei weitere Stimmen geliehen, eine russische von Marc Belorusec und eine ukrainische von Petro Rychlo. Und die Gedichte erhielten neue Laute, eine ungewohnte, aber sonore Tonlage. Der hagere Belorusec und resolute Rychlo sind Altmeister der Übersetzerkunst, beide haben die fast alle Gedichte von Paul Celan übersetzt.
Celan – ein wenig der Grund, warum mir der Name Czernowitz vor meinem Besuch überhaupt etwas sagte. Und ja, seine poetologische Rede „Der Meridian“ ist Namensgeber des Festivals – und natürlich sitzt die Leitung desselben im Paul-Celan-Literaturzentrum an der Ul. Ohla Kobylianska, wenige Querstraßen von seinem Geburtshaus in der Ul. Saksahanskoho 5 entfernt, eigentlich einer Souterrain-Wohnung in einem leicht heruntergekommenen Hinterhaus. Kein Wunder, dass man jahrelang das pompöse Vorderhaus für Celans Geburtshaus hielt. Auch dies ein Zeichen, wie sehr die Brücken zwischen der Vergangenheit als habsburgische, als rumänische, als sowjetische Stadt und der ukrainischen Gegenwart ein fragiler Konstrukt sind: Es muss nicht nur erinnert werden an die einstige kulturelle Größe und Glanz, es müssen auch ganz reale Orte gefunden oder neu geschaffen werden. Denn der Großteil der Bevölkerung wurde im und nach dem 2. Weltkrieg ausgetauscht: deportiert, vertrieben, geflohen, umgesiedelt. Die Zuzügler mochten sich nach dem Krieg wie Schauspieler in Kulissen, die andere errichtet haben, gefühlt haben.
Dmytro Kazakow
Und doch spürt man überall, dass die Czernowitzer dieses kulturelle Vermächtnis nicht nur erinnern, sondern ihm neues Leben einhauchen. Paul Celan ist hier ein ukrainischer Dichter, und man hört Bewunderung heraus, wenn ein junger Dichter aus Czernowitz dem deutschen Gast den im Literaturzentrum an die Wand gemalten Vers „Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts“ in tadellosem american english erklärt: „It is from his most important poem. About the war.“ Und der Krieg ist wieder da. Dmytro Kazakow im Trenchcoat erzählt mir, sein bester Freund, wie er ein Dichter, sei jetzt gerade an der Front. Über soziale Medien tausche man sich aus. Er selbst würde sich sofort freiwillig melden – wenn er nicht für den Dienst an der Waffe untauglich wäre. „Es ist unser Land“, sagt er – und das obwohl er russischsprachig ist, aus der Südukraine in der Nähe von Odessa stammt. Der Konflikt, merke ich, ist komplexer als es aus der Außensicht erscheint. Zhadan selbst fährt regelmäßig in die Gebiete hinter die Front in humanitärer Mission. Jurij Andruchowytsch, der andere Grande der aktuellen ukrainischen Literatur, tritt bald mit seiner Band in Mariupol auf, einer der zwischen Regierungstruppen und von den Russen unterstützten Rebellen umkämpften Stadt. Es geht nicht um russisch oder ukrainisch, es geht um eine Invasion. In Dmytro Kazakows Blick blitzt Verzweiflung auf, dann lacht er wieder, erinnert an die Nacht zuvor, im Luxusapartment von Iwo Bobul, mit Zhadan und den anderen. Und das ist genau der Widerspruch den das Land gerade lebt. Zwischen Feldpost und Partys, zwischen zivilem Engagement hinter der Front und kulturellem Austausch mit Europa.
Czernowitz
Im Rückspiegel verschwinden die letzten Häuser der Stadt. Ein Regenguss verwandelt die staubige Straße in eine matschige Rutschbahn. Der Fahrer flucht leise in sich hinein, kurbelt die Scheibe ein wenig hinunter, steckt sich eine Zigarette an. Es ist ein Rennen gegen die Uhr, dass wir schließlich verlieren. Laut Fahrplan ist der Bus schon abgefahren. Doch er steht noch da auf dem behelfsmäßig wirkenden Busbahnhof in Iwano-Frankivsk an der Ausfallstraße. Voll besetzt ist das klapprige Gefährt, aber der Fahrer verkauft Stehplätze auf eigene Rechnung. Insgeheim hatte ich gehofft, noch länger in diesem Land zu verweilen, das obwohl im Osten ein nicht erklärte Krieg tobt, die Fremden mit offenen Armen empfängt. Das englisch, deutsch spricht, das von Europa träumt, wie wir schon längst nicht mehr.

Donnerstag, 6. November 2014

Espuma sobre piedras von Wingston González

Wingston González 2014. Foto: Timo Berger
Es war schon spät, aber Wingston González, bestand auf einen Besuch. Nimm den Metrobus, riet er mir. Es ist schon dunkel, war ein Einwand, den er ernst nahm, aber eine Lösung parat hatte: Bleib um Himmels Willen in der Station des Metrobus, Plaza Barrios, ich hole dich ab, sagte er und legte auf. Abends an einer Metrobushaltestelle in der Zona 9 zwischen Hotelhochhäusern und Autofriedhöfen zu warten, stimmt melancholisch. Wenn man in Guatemala-Stadt abends in den Metrobus steigt, fühlt man sich als Mitteleuropäer plötzlich wie ein Alien. Man wird angesehen und überragt die meisten um einen Kopf. Was auffällt neben der rasanten Geschwindigkeit des Metrobus, ist das Schweigen der Passagiere. Nur die Blicke sind laut. Bleib um Himmelswillen in der Station! klingt mir die ganze Fahrt über in den Ohren und auch als ich auf der überhöhten Mittelbucht an der 9a Avenida aussteige. Ich blicke aus dem überdachten Station nach draußen, der Platz nebenan mit der Reiterstatue ist fast verwaist, die Passagiere verlieren sich in der Dunkelheit. Plötzlich steht Wingston neben mir. Nach einer herzlichen Umarmung zieht er mich ins Freie und lotst mich in eine Sackgasse, dort steht ein Auto bereit, kein offizielles Taxi, einer der unzähligen Einwohner von Guatemala-Stadt, die sich mit Fahrdiensten verdingen. Wir werden ins Auto gewunken, wie noch zwei, drei weitere Passagiere. Zuerst drehen die Räder auf den Kieselsteinen durch, dann nimmt das Gefährt an Fahrt an. Wingston weist auf Gebäude, die an uns vorbeiziehen, zeigt den Wechsel der Viertel an, erklärt die Stadt. Wir nähern uns seinem Viertel, er sagt, wir müssen noch Brot holen, ich sage, ich bezahle die Getränke und er hält den Fahrer an, lass uns an der Ecke raus. Gegenüber ist eine Bäckerei, die noch offen ist. Eine ältere Frau streicht Teig für Maistortillas auf eine Herdplatte aus Gusseisen, unter der sich die Glut befindet. Wir kaufen zehn frischgebackene Tortillas. Und einen halben Block weiter Bier, Limo und Wasser. Wingston ist ein großer Menschenfreund. Seine Augen strahlten als er an jenem Abend, nach der Odyssee mit Metrobus, „Ersatztaxi“ und Fußmarsch endlich seine Dampfkochtopf öffnen konnte. Bohnen befanden sich darin, Würste und ein wenig Speck, Reis und Salat wurden dazu serviert, ein harmonischer Gesamtklang entstand. So wie in seiner Dichtung, die – ohne eurozentristische Hierarchien – die Erinnerungen und Sprache der Sklaven mit den Zitaten aus der angelsächsischen Lyrik, der spanischsprachige Dichtung Lateinamerikas und dem Straßenslang Guatemala-Stadts vermischt. Ende 2013 kam er als Gast der Latinale nach Berlin, zuvor hatte uns unser gemeinsamer costaricanischer Verleger Juán Hernández per geteilter Email bekannt gemacht und wir hatten uns schon fast ein Jahr lang virtuell unterhalten, über das Wetter, seine und meine Arbeit, unsere Familien und über seine Gedichte, die ich übersetzte. Als wir uns endlich persönlich trafen, war es wie einen alten Bekannten zu treffen.



Eine neue Übersetzung aus seinem neuesten Band "Espuma sobre piedra" (2014), die für das Goethe Institut México entstanden ist.

Mito de otro mismo

Era un niño artificial. Un
extraño niño artificial en una
especie de pradera plástica
Un niño destructor de todo lo
que tocaba, lo que le tocaba y
lo que, al final de la noche entra
a habitar su dos corazones
Ese niño era yo. Un fulano pequeño
que quería el hoy como se quiere
un puñado de diamantes
en la calavera de la abuela. O
como deseamos todos, por decir algo
llegar a fósil, al menos a gota
de ADN conservada en ámbar
en una jungla del Caribe
Ese chico soy yo. Una suerte
de paraíso maldito, edén recobrado
por una expansión que suelta las
riendas de su insignificante cólera
Preocupado por las palabras
mejor tratadas por otros, un
animal mediocre hilado a una
santidad invertida, a esta
presencia sin aura, sin arco
Qué mierda. Saber que morimos
no significa que morimos
Con los días la ceguera
me hace menos inmisericorde y
lloro por prados y nubes
El niño sospecha que un difunto
va de caminata en su pecho aún
deforme: Todo lo que está dentro
se halla más completo afuera
mucho mejor y a contraluz
Y con los días, se abalanza
sobre paz e insecticidas
y cree que el mar de Europa
es limbo helado por sus
sueños, un cerebro; que la radiación de
Júpiter es cosa de las palabras
que apenas sabe ordeñar
Ese niño seré yo. Una imagen
del Livingston del año 93:
los cartuchos se derriten con
el aliento venenoso del
cielo; las dos calles prin
cipales del pueblo tarta
mudean juntas una canción
que nadie ha querido
recordar siquiera; una casa de naipes
justo detrás de la sinagoga
se derrumba sin asombro ni
lámpara que cuide
la exactitud inofensiva
de la demolición. Sol de óxido
oxígeno en llamas, oh, dos
soles filtrados en la Historia
de la Cultura. ¿Ven? Qué
miserables lagartos
en una fuente de cemento
El río vidrioso tan cerca
de las estrellas despintadas
de un equipo de básquet
Y cree, sospecha, que con
los días que pasen podrá
sobrevivir al magnético
sonido de la gloria, la sim
pleza de la gloria, que
no sabrá apenas consiste
en lubricidades sencillas
en pájaros y alacranes
en adornos de papel deca
dentes y fiesta de cumpleaños
Llorar a secas y sin mucha
pasión las calles que alguien
borra de un mapa de escuela
Qué será del niño gótico
para el que la cultura
es una acumulación de ideas
provistas para ser borradas
por la entropía. Nada
escrito mármol, todo
a merced de una desconocida
energía que expande, que divide
las necedades de la gente
que mañana, a esta hora
habrá olvidado su propia
sangre congelada

Mythos des anderen Selbst

Er war ein unechter Junge. Ein
seltsam unechter Junge auf einer
Art Wiese aus Kunstrasen
Ein Junge, das alles zerstörte
was er berührte, was ihn berührte und
was am Ende des Tages in
seine zwei Herzen hineinschlüpfte
Jener Junge war ich. Ein Knirps
der das Heute liebte, wie man
eine Handvoll Diamanten
im Schädel seiner Großmutter liebt. Oder
wie wir uns, etwa, wünschen
es bis zum Fossil zu schaffen, zumindest zum DNA-
Tropfen, konserviert in Bernstein
im Dschungel der Karibik
Jener Junge bin ich. Ein ver-
wunschenes Paradies, der Garten Eden
wiedererlangt durch einen Ausbruch, der die Zügel
seines haltlosen Zorns schießen lässt
Er ist besorgt um die Worte
mit denen andre besser umgehen, ein
gewöhnliches Tier angebunden
an einen inversen Heiligen, an eine
Figur ohne Zauber, ohne Bogen
Was für ein Scheiß. Zu wissen, dass wir sterben
bedeutet nicht, dass wir sterben
Mit den Tagen lässt mich die Blindheit
weniger hart sein und
ich weine um Weiden und Wolken
Er fürchtet, dass ein Verstorbener
in seiner noch entstellten Brust
wandert: Alles, was in ihr ist
findet sich draußen vollständiger
besser und im Gegenlicht
Und mit den Tagen stürzt sich der Junge
auf den Frieden, auf Insektizide
und glaubt, dass Europas Meer
die von seinen Träumen vereiste
Vorhölle sei, ein Gehirn; dass die Strahlung des
Jupiters eine Sache der Worte sei
die es selten zu melken versteht
Jener Junge werde ich sein. Ein Bild
von Livingston im Jahr 1993:
die Callas vertrocknen
im giftigen Atem des
Himmels; die beiden Haupt
straßen der Stadt stot
tern zusammen ein Lied
an das sich gar niemand
erinnern wollte; ein Kartenhaus
genau hinter der Synagoge
stürzt in sich zusammen ohne Stauen, ohne
Lampe, die darüber wacht
dass der Abriss gefahrlos und sorgfältig
von statten geht. Rostrote Sonne
Sauerstoff in Flammen, oh, zwei
Sonnen scheinen durch die Geschichte
der Kultur. Seht ihr? Was für
bedauernswerte Kaimane
in einem Zementbrunnen
Und der glasige Fluss so nah
an den ausgeblichenen Sternen
eines Basketball-Teams
Und er glaubt, vermutet, dass es mit
den Tagen, die verstreichen, den
magnetischen Klang des Ruhms
überleben wird, die Ein
fachheit des Ruhms, der
– er weiß es nicht – nur aus
Schlüpfrigem besteht
aus Vögeln und Skorpionen
aus dekadenten Papiergirl
anden und Geburtstagsfeiern
Schlicht und einfach, ohne große Leiden
schaft über die Straßen weinen, die jemand
auf der Karte der Schule auslöscht
Was wird aus dem gotischen Jungen
für den die Kultur
ein Anhäufung von Ideen ist
dafür bestimmt,
in der Entropie aufzugehen. Nichts
ist in Marmor gemeißelt, alles
fällt einer unbekannten
Energie anheim, die die Dummheit
der Leute ausdehnt und teilt
die Morgen, um genau diese Uhrzeit
ihr eigenes erstarrtes Blut
vergessen haben werden

Wingston González wurde ist 1986 in Livingston, Guatemala, geboren. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht, unter anderem "san juan – la esperanza" und “Miss muñecas Vudu” (beide 2013 erschienen).

Weiterlesen:
- Porträt auf Cuenta Centroamérica (deutsch)
- Retrato auf Cuenta Centroamérica (espanol)
- Gedichte auf lyrikline.org
- Gedichte in poet, Nr. 16, Frühjahr 2014

Montag, 7. Juli 2014

Lob der Reptilien von Julio Carrasco

Julio Carrasco. Foto: Timo Berger
Manchmal kommt es mir vor, als würde ich Julio Carrasco seit Ewigkeiten kennen. Dann wieder denke ich, ich kenne ihn eigentlich gar nicht. Was denkt er, wenn er wie 2011 eine Zigarre paffend vor mir steht. Hinter ihm das Mokalola, sein Stammcafé auf der Roten Insel in Schöneberg? Ich könnte es nicht sagen. Wenn man mit ihm spricht, chattet oder ihn auf Veranstaltungen und Empfängen beobachtet, merkt man, dass er immer nicht nur einfach da ist, wo er ist, sondern immer auch gleichzeitig woanders, dass er nebenher Emails beantwortet, einem Dritten einen vielsagenden Blick zuwirft, jemanden herbeiruft, permanent Netzwerke knüpft, Ideen weiterspinnt und Projekte festklopft. Oder einfach ein Buch, eine Zeitschrift aus seiner Tasche zaubert und der staunenden Runde präsentiert. Er hat etwas Kumpelhaftes, nennt sein Gegenüber gerne „hermano“, Bruder, und bleibt doch auf gewisse Weise distanziert, undurchdringlich, wenn nicht gar unvorhersehbar. Eine tiefe Melancholie legt sich bisweilen auf seine Augen. In seinem dichterischen Schaffen, seinen poetisch-technoiden Aktionen mit der Gruppe Casa Grande, seinen Auftritten mit der Band Los Muebles hat er mal hat genialische Ideen, mal verliert er sich (allein oder mit Mitstreitern) in skurillen Spielereien. Vor ein paar Tagen erreichte mich sein neuester Gedichtband „Elogio de los reptiles“ (Tácitas, Santiago de Chile, 2014) aus den Händen einen anderen Dichter, der in Berlin lebende Chilene José Pablo Jofre. Den Umständen geschuldet, kam ich seit langem einmal wieder dazu, einen Gedichtband zu lesen. Und ich muss gestehen, ich setzte den Band erst ab, als ich ihn – noch vor dem Frühstück auf nüchternen Magen – zu Ende gelesen hatte. Es sind prosaische Gedichte, die kleine Geschichten erzählen, die literarische Zitate, Zeitungsnachrichten, populäre Weisheiten und Tierfilme miteinander verweben. Es sind Montagen mit einem lyrischen Ich, dem oft nicht das gelingt, was er sich vornimmt oder dem genau das passiert, was er sich nicht vornimmt, der über Piranhas sinniert und Haie, in einem Moment emphatisch über sie spricht, im nächsten bitterbös. Zwei, drei Gedichte kannte ich schon von einer gemeinsamen Lesung 2012 im von Martin Jankowski geführten Literatursalon am Kollwitzplatz, wovon eines und seine Übersetzung unten zu lesen ist. Ich musste immer wieder schmunzeln bei der Lektüre seines Gedichtsband, auch einmal herzlich lachen. Julio sah ich im Winter 2011, Frühling 2012 mehrmals in Berlin, er wohnte in der Nachbarschaft, in einer Parallelstraße. Einmal saßen wir zusammen in der letzten 80er-Jahre-Rockerkneipe der Roten Insel. Gegenüber zog sich damals noch ein Band von Autowerkstätten. Kurz nachdem Julio wieder nach Santiago de Chile zurückfuhr, schloss die Kneipe, wurden die Werkstätten abgerissen und ein Park angelegt. Wenn man ihn traf, erzählte er – wie in seinen Gedichten – oft von unglücklichen Lieben und fernen Ländern, von Möglichkeiten und Abgründen. Die Selbstironie war für ihn das beste Mittel gegen das Scheitern. Doch spulen wir zurück: Zum ersten Mal begegnete mir Julio Carrasco im Internet – er schickte Gedichte, die für ein „bombardeo poético“, einen (wie die Literaturwerkstatt euphemistisch umdichtete) „Poesieregen“ übersetzt werden sollten, der anlässlich der Langen Nacht der Museen im August 2010 über dem Lustgarten niedergehen sollte. Julio und seine Dichtegruppe Casagrande traf ich in personae, als sie den Ort ihrer spektakulären Aktion in Augenschein nahmen und festlegten, aus welcher Richtung der Hubschrauber mit den Mitgliedern von Casa Grande hereinfliegen und seine Runden über dem Berliner Dom drehen und dabei Tausende von Gedichten junger chilenischer und deutscher Dichter abwerfen sollte. Wenige Tage später standen Hunderte von Menschen vor dem Dom und stritten sich um die vom Himmel herab segelnden und in der Dämmerung silbern glänzenden Kartonstreifen mit Gedichten. Ein unvergesslicher Moment auch für Nicht-Lyrikfreunde.

Über dem Lustgarten 2011. Foto: Timo Berger
Doch nun zu Gedicht und Buch.


Pequeña improvisación romántica

El nerviosismo me hizo comerme la uña del anular izquierdo
mientras revisaba por última vez el repertorio de mi examen de piano

Seguí tocando sin percatarme de que sangraba
y se mancharon tres o cuatro teclas del registro grave

Mi sangre sobre el piano me dije
Demoré unos cinco minutos en volver a la realidad

Esto sucedió hace algunos años, lo recordé porque
justo ayer, mientras fotocopiaba a la carrera los formularios
de un concurso de proyectos a punto de expirar
me corcheteé1 el pulgar sin darme cuenta

Caí en un lapsus al ver las páginas de los formularios
manchadas con sangre sobre la mesa de recepción

y sentí que debía escribir sobre aquella vez
cuando quedé ensimismado
mirando las teclas de un piano
manchadas con mi sangre


Kleine romantische Improvisation


Nervös wie ich war, kaute ich auf dem Nagel meines Ringfingers herum,
während ich das Repertoire meiner Klavierprüfung ein letztes Mal durchging

Ich spielte, ohne zu bemerken, dass ich blutete
und drei, vier Tasten in den tiefen Lagen besudelte

Mein Blut auf dem Klavier sagte ich zu mir selbst
Ich brauchte fünf Minuten, um wieder zu mir zu kommen

Das war vor ein paar Jahren. Gestern fiel es mir wieder ein
als ich wie ein Verrückter die Formulare für einen Antrag
fotokopierte, dessen Frist ablief, und mir dabei eine Klammer
in den Daumen tackerte, ohne es zu bemerken

Als mein Blick auf die Blutflecken an den Formularen
auf dem Tresen des Nachtportiers fiel, schweiften meine Gedanken ab

Mir wurde klar: Ich sollte über das andere Mal schreiben,
als ich gedankenverloren auf die Tasten
eines Klaviers blickte, die von meinem Blut
besudelt waren.



Julio Carrasco, geboren 1969 in Santiago de Chile, ist Musiker, Dichter und Ingenieur. Er hat in Kuba, Chile und Deutschland gelebt. Er hat die Gedichtbände „Despedidas Antárticas“ (Mercurio Aguilar, 2006), „Sumatra“ (Ediciones Tácitas) und „El Libro de los Tiburones“ (Editorial Cachiyuyo, 1995) verfasst. Er ist Mitglied des Künstlerkollektivs Casagrande, die besonders mit „Gedichtbombardments“ in Berlin, Warschau, London, Guernica, Dubrovnik und Santiago de Chile bekannt geworden sind. Er ist außerdem Sänger der Band Los Muebles.


Einige Gedichtbände von Julio Carrasco



Weiterlesen:
Aktuelles Interview
- letras.s5
- Casa Grande
- Video der "Bombardierung" mit Gedichten in London
- Video von Los Muebles, gedreht auf dem Tempelhofer Feld

Samstag, 15. Februar 2014

Nadia Escalante

Nadia Escalante. Foto: Timo Berger
Mexiko-City, im Herbst 2013. Die blaue Stunde bricht an. Auf dem Trottoir vor dem Goethe Institut in der Colonia Roma versammelt sich eine Handvoll Dichterinnen und Dichter für eine Lesung: Sara Uribe, Paula Abramo, Óscar De Pablo, Nadia Escalante, Maricela Guerrero, Luis Felipe Fabre, Luis Alberto Arellano. Als letzter trudelt Alejandro Albarrán ein – es fehlt nur noch Rocío Cerón, doch die soll im Rückstau des Feierabendverkehrs im Bundesdistrikt steckenbleiben und es auch bis zum Ende der Veranstaltung nicht schaffen). Einige der Mexikaner kenne ich schon persönlich, weil sie Gäste des Festivals Salida al Mar oder der Latinale waren, andere habe ich bisher nur online gelesen. Das letzte Tageslicht wird für ein Gruppenfoto verbrannt. Etwas Konversation. Abtasten. Schüchterne Umarmungen. Dann geht es schon nach drinnen. In der Bibliothek im Erdgeschoss des Goethe-Instituts wird Wein ausgeschenkt. Verabredet ist eine „Expresslesung“ – jeder Dichter liest nur zwei Gedichte, es gibt weder einleitende Worte noch Moderation (biografische Angaben können mithilfe der eigenen elektronischen Gadgets recherchiert oder in einer à la occasion erstellten Minipublikation nachgelesen werden). Ein Lesungskonzept, das Maricela Guerrero vorgeschlagen hat, und mich auf Anhieb überzeugt hat. Ich sitze auf einem Barhocker, meine zwei Gedichte schon gelesen, und blicke in die Augen eines aufmerksamen Publikums. Es geht blitzschnell weiter. Poetiken, Styles, Timbres und Haltungen wechseln sich ab. Die mexikanischen Poeten werden ihrem Ruf als begnadete Entertainer gerecht. Und ernten verdienten Applaus für ihre Wortkaskaden, ihre humorvollen Selbstkasteiungen, ihre Loops mit minimalen Variationen und treffsicheren Pointen. Eine fällt mir auf, weil sie etwas leiser auftritt, verhaltener liest: Nadia Escalante. Wieder in Deutschland – lese ich ihre Gedichte ein zweites Mal und finde eines davon in seiner Schlichtheit schlicht großartig. Es folgt weiter unten – auch wenn mir im Augenblick gar nicht nach Melancholie zumute ist, ich aber zugegebenermaßen jetzt gerne in Baja California am Strand säße – wie Ihr sicher auch ...

 
Puerto Nuevo

Comimos langosta,
de espaldas al mar,
sobre un tapanco.

(Yo no conocía aquel sitio
ni había comido langosta.)

Éramos los únicos comensales.
Los músicos para turistas se ofrecían.
No quisimos.
Tú no parabas de hablar.

Dividimos la langosta
–una mitad para cada uno–
y las tortillas de harina
de las que no hacen en el sur.

(Yo nunca había comido esas tortillas.)

Bajamos a la playa;
la brisa acariciaba una herida fresca.

Tirados frente al mar y con los codos en la arena,
nos dividimos la brisa
y la música para turistas a lo lejos;
también dividimos
una separación que se acercaba
–una mitad para cada uno–
y el sonido de las olas
para no tener que hablar.



Puerto Nuevo

Wir aßen Languste
auf einer Empore
mit dem Rücken zum Meer.

Ich kannte weder den Ort
noch hatte ich jemals Languste gegessen.)

Wir waren die einzigen Gäste.
Die Musiker für Touristen erboten sich,
wir wollten nicht.
Du redetest ohne Punkt und Komma.

Wir teilten die Languste
– eine Hälfte für jeden von uns –
und die Weizentortillas
die man im Süden nicht macht.)

Wir gingen runter zum Strand;
die Brise streichelte eine frische Wunde.

Das Meer vor uns, die Ellbogen im Sand,
teilten wir uns die Brise
und die Musik für Touristen aus der Ferne;
wir teilten auch
eine Trennung, die näher kam
- eine Hälfte für jeden von uns –
und das Rauschen der Wellen,
um nicht sprechen zu müssen.


Nadia Escalante wurde in Mérida, Bundesstaat Yucatán in Mexiko vor 31 Jahren geboren. Sie war Stipendiatin der Fundación para las Letras Mexicanas (2008 bis 2009 und 2009 bis 2010) und des Fondo Nacional para la Cultura y las Artes, in der Kategorie „Jóvenes Creadores“ (2012-2013). Ihr erster Gedichtband „Adentro no se abre el silencio“ wurde 2010 vom Fondo Editorial Tierra Adentro veröffentlicht.

Weiterlesen:

- Die Gedichte, die gelesen wurden
- Mehr Gedichte von Nadia Escalante
- Interview mit Nadia Escalante
- Biografien aller Lesungsteilnehmer

Donnerstag, 16. Januar 2014

Juan Gelman

Juan Gelman auf der Frankfurter Buchmesse 2010. Foto: Timo Berger
Juan Gelman, geboren am 3. Mai 1930 in Buenos Aires, gestorben am 14. Januar 2014 in Mexiko-Stadt. Das erste Buch, das ich von ihm las, war "Exilio", verfasst zusammen mit Osvaldo Bayer - den ich von meiner Arbeit für das Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e. V. kannte - in dem schmalen Bändchen, in dem ich von Bayer sehr viel über Berlin (wohin er während der letzten argentinischen Militärdikatur ins Exil gegangen war) erfahren, über preußische und muslimische Friedhöfe und ihr Verhältnis, etwa. In "Exilio" war auch eine Serie von Gedichte betitelt mit Unterm fremden Regen, in der Juan Gelman sein Exil in Italien lyrisch verarbeitete. Den nächsten Band, den ich las war Dibaxu, ein Versuch Gelmans das alte Judenspanisch der Sepharden für die moderne Dichtung zu reanimieren. Dann verlor ich ihn zugegebenermaßen aus den Augen. Die jungen Dichter in Argentinien hatten teilweise eine sehr polemische Haltung ihm gegenüber. Daniel Durand schrieb einen wütenden Text betitelt mit "Gelman asesino" und klagte ihn an, weil er angeblich als Mitglied der linksperonistischen Guerilla Montoneros eine Kontraofensive als Presseverantwortlicher mitlanziert hatte - bei diesem letzten Aufbäumen des Widerstands wurden viele junge Kämpfer verheizt, die meisten Kader waren längst im sicheren Ausland. Ob und wie viel Verantwortung Gelman tatsächlich trägt ist umstritten. Fakt ist aber, dass er, als er nach langen Jahren des Exils wieder nach Argentinien kam - für eine Lesung, die Fabián Casas mitorganisierte, und bei der zum ersten Mal ein junger Argentinier, von dem man später noch sehr viel hören und lesen sollte, in Berührung mit der Dichtkunst kam, die Lyrikszene wiederbelebte. Der Bruch durch das Exil und das "Verschwinden" zahlreicher rennomierter und engagierter Dichter und die innere Immigration der Verbleibenden begann sich langsam durch eine nachwachsende Generation zu überbrücken. Der Dichter und Autor, der später einen eigenen Verlag gründen sollte, hieß übrigens Washington Cucurto. Juan Gelman persönlich traf ich dann im Oktober 2010 - Argentinien war Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Ich sah ihn in den Gängen der Halle 5 im ersten Stock, hatte gerade die Kamera umgehängt und fragte ihn mit einer Geste, ob ich ihn fotografieren dürfe. Er nickte und legte den Kopf schräg. Wir sprachen nicht miteinander. Er war gerade in ein anderes Gespräch vertieft, und ich hätte in dem Moment wirklich nicht gewusst, was ich zu ihm hätte sagen sollen. Doch werde ich wohl öfters an ihn denken. An seinem Todestag, am 14. Januar diesen Jahres, wurde einer geboren, von dem noch nicht klar ist, ob er irgendwann etwas mit Dichtern, Büchern oder Verlagen zu tun haben wird: mein Sohn Jonathan Levi.Vielleicht wird er Ingenieur, wie seine beiden Großväter. Und Ingenieure werden immer gebraucht, auch in Zeiten des E-Book.

Montag, 4. November 2013

El Salmón von Fabián Casas

Fabián Casas auf seiner Terasse 2009. Foto: Timo Berger


Im Juli 2013 erscheint ein Buch in Costa Rica erneut (und erreicht mich ein paar Monate später in Berlin), das mir viele Jahre zuvor, genauer gesagt 1999, von Daniel Durand in Buenos Aires mit auf den Rückweg nach Berlin gegeben wurde. Ich hatte ein Jahr in der argentinischen Hauptstadt studiert und um den Kontakt mit der Sprache und der dortigen Dichterszene nicht zu verlieren, hatte ich Daniel Durand gefragt, welchen Gedichtband er mir ins Deutsche zu übersetzen empfehlen würde. Er stand eine Weile zögernd vor seinem selbstgezimmerten und überbordernden Bücherregal. Dann zog er zielsicher einen Band heraus: "El salmón" von Fabián Casas. Das ist, glaube ich, leicht zu übersetzen, sagte er und reichte mir den Band, der in Luis Mangieris Verlag Libros de Tierra Firme erschienen war, mit der Zeichnung eines Lachs auf dem Buchtitel. Ich kannte den Autor nicht (wie ich später erfuhr, weilte er mit einem Stipendium genau in dem Jahr, in dem ich an der Universidad de Buenos Aires Letras studierte in Iowa und nahm an dem Writer's Programm teil). Casas zu übersetzen, war natürlich nicht so leicht wie angekündigt, aber es war eine dankbare, weil mich immer wieder von neuem beschäftigende Aufgabe. Den Autor selbst lernte ich 2000 bei meiner Rückkehr nach Buenos Aires kennen und das sollte der Beginn eines wunderbaren Austauschs über den Ozean hinweg sein. 2003 las Fabián Casas mit Cristian de Napoli, Damián Ríos, Cecilia Pavón und Paz Levinson und mir in der Casa de la Poesía. 2005 war er Gast von Salida al Mar, 2006  Gast der ersten Latinale in München und Berlin, 2007 konnte ich ihn als Juror für den Preis der Anna Seghers-Stiftung vorschlagen und er begleitete uns mit der Latinale 2007 nach Hamburg, 2009 erschien bei luxbooks eine von mir übersetzte Anthologie, die Texte aus allen seinen Gedichtbänden aufnimmt, und 2011 trafen wir uns auf der Buchmesse von Guadalajara wieder. Nicht zu vergessen: das kleine Büchlein, das Lofi, im Homepublishing irgendwann zwischen 1999 und 2000 auf einem geliehenen Laserdrucker das Licht der Welt erblickte. Der mallorquinische Fotograf Biel Salas steuerte die Fotos bei.

Hier ein Gedicht und meine Übersetzung ins Deutsche:

Mientras me lavo la cara 

Darío, parado, grita y gesticula.
Bajo una frazada marrón
Daniel se ríe y habla de sus novias.
Están borrachos y los que gritan en la cocina,
como diputados,también.
Mi vieja, resucitada,
golpea las ventanas, pidiendo entrar.

Al amanecer, bajo una claridad despiadada;
cigarrillos, libros desperdigados,
platos con comida.
Camino, despacio, hasta el baño;
sé que la desgracia está sobre nosotros,
no ahora, tampoco el año próximo,
todavía somos jóvenes, pero eso
se pierde enseguida.
No tenemos nada, pienso,
mientras me lavo la cara,
ni un oficio, ni un a herencia,
ni una casa de sólida piedra.



Während ich mir das Gesicht wasche

Darío schreit und fuchtelt im Stehen.
Unter einer braunen Decke
lacht Daniel und spricht von seinen Bräuten.
Sie sind betrunken und die, die in der Küche
wie Abgeordnete schreien, auch.
Meine auferstandene Mutter klopft ans Fenster
und will reinkommen.

Bei Sonnenaufgang, in einer schonungslosen Klarheit:
Zigaretten, verstreute Bücher,
Teller mit Essen.
Ich gehe langsam bis zum Bad.
Ich weiß, dass das Unglück über uns kommt,
nicht jetzt, auch nicht nächstes Jahr.
Noch sind wir jung, aber das
verliert sich bald.
Wir besitzen nichts, denke ich,
während ich mir das Gesicht wasche,
weder einen Beruf, noch ein Erbe,
noch ein Haus aus festem Stein.



El salmón in verschiedenen Ausgaben



Fabian Casas wurde am 7. April 1965 im Stadtviertel Boedo in Buenos Aires geboren. Er veröffentlichte die Gedichtbände „Tuca“ (Bs. As., Tierra Firme, 1990), „El Salmón“ (Bs. As., Tierra Firme, 1996), „Oda“ (Bs. As., Tierra Firme, 2003) und „El Spleen de Boedo“ (Bahía Blanca, Vox, 2003). Außerdem den Roman „Ocio“ (Bs. As., Tierra Firme 2000) und die Bände mit Erzählungen „Cuatro Fantásticos“ (Bs. As., Belleza y Felicidad Tusquet 2003), „El Bosque Pulenta“ (Bs. As., Eloísa Cartonera 2003), „Los lemmings“ (Bs. As., Casa de la Poesía 2002), sowie mehrere Bände mit Essays.

Weiterlesen:

- Fabián Casas auf lyrikline.org

Montag, 14. Oktober 2013

La canción del oficio von Osvaldo Sauma


Osvaldo Sauma. Foto: Timo Berger
Manche Bücher legen lange Wege zurück. "La canción del oficio" (Editorial Germinal, San José, 2013) reiste zwei Mal über den Atlantik und sieht immer noch einigermaßen frisch aus. Da der Paketbote vergaß zu klingeln (das macht er nie, weswegen es mittlerweile schon schwerfällt von Vergessen zu sprechen), wurde die gut 400-seitige Anthologie von Osvaldo Sauma wieder zurückgeschickt. Doch Osvaldo, den ich vergangenes Jahr bei einer Lesung in der Estación al Atlántico in San José kennenlernte, taperte ein zweites Mal mit dem gelben Pappumschlag unterm Arm zu Correos  Costarricense. Hier müsste noch viel mehr stehen - etwa dass ich Osvaldo wenige Monate später wiedertraf, auf einer grünen Insel im Lago Nicaragua (wo auch das Foto von ihm entstanden ist). Und hier wird mehr stehen - bald nach der Latinale, das schon morgen beginnt. Hier erst einmal ein Gedicht aus dem Buch als Gruß für alle Festivalbesucher:


Ratschläge für einen jungen Dichter


es reicht nicht, auf die Schultern
Satans zu steigen
den Himmel findest du dort nicht
sondern nur tief im Innern deiner selbst

Schlauheit führt dich nicht
zur dürren Unsterblichkeit
öffnet dir lediglich die Pforten des Ruhms

mach dir selbst nichts vor
lass dich nicht verführen
von den fuchsienfarbenen Lichtern
die die offiziellen Poeten verteilen

sie werden den Blut saugen
                              werden dich verwandeln
in einen Geck nach ihrem Bilde
sie werden dich lehren,
um die nötigen Beziehungen zu schachern

sag nicht Streitross statt Pferd
lass dich nicht vom Applaus betören
sag lieber Scheißstein
wie Jaime
wenn du über einen stolperst
und dass du ja nicht wie andere
moderne Dichter anstimmst
sowas hier:
Morgenstern, morgen Stern, Monster, er,
Sternenschlund,
der Farben gebiert, Narben und sofort.*




Consejos a un joven poeta


no basta con treparse
sobre las espaldas de Satanás
el cielo no está ahí
sino muy al fondo de vos mismo
la astucia no conduce
a la flaca imortalidad
tan sólo abre las puertas de la fama

no te traiconés
no te dejés seducir
por las luces fucsias
que reparten los poetas oficiales
                               te chuparán la sangre
te conventirán
en petulante a su semejanza
te enseñarán a traficar
todas las influencias necesarias

no digás corcel en vez de caballo
que no te tiente su aplauso
más bien decí pinche piedra
como Jaime
cuando te tropecés con una
y no se te ocurra cantar
como los otros poetas modernos
aquello de:
Lucero, luz cero, luz Eros,
la garaganta de la luz,
pare colores coleros, etcétera.*

* Jaime Sabines


"La canción del oficio" von Osvaldo Sauma



Osvaldo Sauma, geboren in Costa Rica, ist Dichrer, war Dozent für kreatives Schreiben von 1981 bis 2010. Er ist der Autor von mehreren Gedichtbänden, darunter "Las huellas del desencanto" (1983), "Retrato en familia" (1985), "Asabis" (1993), "Madre nuestra fértil tierra" (1997), "Bitácora del iluso" (2000) und "El libro del adiós" (2006). Gedichte von ihm wurden ins Englische, Französische, Portugiesische, Arabische und Hindi übersetzt.


Sonntag, 6. Oktober 2013

Hier drunter liegt was Besseres von Luis Chaves

Luis Chaves, 2011. Foto: Timo Berger
Ich hab es selbst noch gar nicht. Luis Chaves schon. Auf seinem Blog tetrabrik postet er Bilder von Cover und erster Seite seines neuen bei hochroth dieser Tage erschienen zweisprachigen Gedichtbändchens mit dem vielversprechenden Titel "Hier drunter liegt was Besseres / Debajo de esto hay algo mejor". Es ist nach la fotografía / das foto die zweite Auswahl von Gedichten des Costa Ricaners die in Deutschland veröffentlicht wird. Irgendwie kommt es mir so vor, als würde ich Luis Chaves schon ewig kennen. Unsere Wege kreuzten sich, etwas zeitversetzt, mehrmals. Ich studierte in Buenos Aires und kehrte immer wieder für Projekte nach Argentinien zurück. Auch Luis lebte mit Unterbrechungen in Buenos Aires, frequentierte den Neopop-Queer-Bohème-Zirkel um die Galerie Belleza y Felicidad, die es heute nicht mehr gibt. In dieser Zeit, Ende der 90er, Anfang der 2000er Jahre, gab er zusammen mit der argentinischen Dichterin Ana Wajszczuk, die damals in San José lebte, ein kleines Poetry-Fanzine heraus: Los amigos de lo ajeno. Vermittelt durch gemeinsame Bekannte lud er mich ein, ihm ein Gedicht für seine Zeitschrift zu senden. 2004 begegneten wir uns zum ersten Mal persönlich in Buenos Aires. Luis lebte damals wieder in der argentinischen Hauptstadt und wir luden ihn ein, auf der ersten Ausgabe des Festivals Salida al Mar zu lesen. In "No hay cuchillos sin rosa", einem ehemaligen Gemüseladen und Sitz des Kartonbuchverlag Eloísa Cartonera, feierten wir den Beginn des Festivals mit den internationalen Gästen. Und plötzlich stand Luis vor mir und er war genauso wie ich ihn mir vorgestellt hatte: zentralamerikanischer Optimismus gepaart mit argentinischem Scharfsinn. 2007 konnten wir ihn zur Eröffnungsnacht des Instituto Cervantes in Frankfurt einladen, 2011 endlich auch zur Latinale in Berlin. 2010 und 2012 war ich selbst in San José und lernte das Haus und die Frauen des Hauses kennen, von denen im untenstehenden Gedicht die Rede ist - oder auch nicht - und das in dem hochroth-Bändchen enthalten ist. Aber hört selbst:


Die Frauen des Hauses

Die Frauen des Hauses schlafen
und ich mache mich ans Löschen.

Das hier war länger.
Sprach von Dingen
die unwichtig sind für ein Gedicht.

Da stand: Ari, Julia, Mariajo.
Jetzt nicht mehr.

Nur noch der schimmernde Bildschirm
in einem dunklen Zimmer
und drei Herzen, die schlagen
mit der langsamen Frequenz
der Träume.


Las mujeres de la casa

Duermen las mujeres de la casa
y vengo a borrar.

Esto era más largo.
Contaba cosas
que no le importan a un poema.

Decía Ari, Julia, Mariajo.
Ya no.

Sólo queda la luz del monitor
en un cuarto oscuro
y tres corazones latiendo
con la frecuencia lenta
de los sueños.

(aus: Luis Chaves. Debajo de esto hay algo mejor / Hier drunter liegt was Besseres. Gedichte. Aus dem costaricanischen Spanisch von Timo Berger. hochroth Verlag, Berlin, 2013)


Luis Chaves auf der Latinale 2011. Foto: Timo Berger

Luis Chaves wurde 1969 in San José, Costa Rica geboren. Mit dem Band "Los animales que imaginamos" (1998) gewann er den „Premio Hispanoamericano de Poesía Sor Juana Inés de la Cruz 1997“, "Chan Marshall" (2005) wurde in  Spanien mit dem „III Premio Fray Luis de León“ ausgezeichnet. Zuletzt wurde ihm für "La máquina de hacer niebla" (2012) der „Premio Nacional de Poesía 2012“ des Kulturministeriums von Costa Rica verliehen. Seit 2006 leitet er die Schreibwerkstatt Taller de Escritura Artesanal. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Zapote, San José.

Weiterlesen:

tetrabrik - Blog von Luis Chaves
Luis Chaves bei hochroth