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Cecilia Pavón, 2003. Foto: Timo Berger |
Wenn es so einfach wäre, einfach zu
schreiben, dann könnte es jeder. Aber halt: Vielleicht liege ich
auch falsch, vielleicht schreibt Cecilia Pavón gar nicht einfach,
sondern es erscheint nur so – was wiederum noch schwieriger wäre.
Weil sich hinter dem Dahingesagten, dem vorgeblich Naiven, nicht nur
ein doppelter Boden, sondern in selbigem gleich noch eine Falltür
verbergen würde. So oder so, meine erste Begegnung mit Cecilia kam
unerwartet, wie durch eine Falltür in einem doppelten Boden. Die
Vorgeschichte: Ich studierte ein Jahr lang an der Universidad de
Buenos Aires. An den Ausgängen der Geisteswissenschaftlichen
Fakultät (einer ehemaligen Papierfabrik im Stadtteil Caballito)
verteilten studentische Politgruppen Flyer, von Zeit zu Zeit stand da
auch eine einzelne Frau, die eine Literaturzeitschrift verkaufte,
„Nunca, nunca quisiera irme a casa“ (Ich will nie, nie nach Hause gehen) lautete ihr Titel. Einmal,
als ich in Begleitung eines deutschen Freunds war, der mich eine
Woche in Argentinien besuchte, sprach sie mich direkt an, ich winkte
ab, mein Freund aber zeigte Interesse. Er verstand zwar nicht, was
die Verkäuferin ihm genau anbot (weil er kein Spanisch sprach), doch
auf meinen Hinweis – mein Freund spricht kein Spanisch, deswegen
macht es keinen Sinn für ihn, eine spanischsprachige
Literaturzeitschrift zu kaufen – entgegnete sie nur: oh, kein
Problem, die Hälfte der Zeitschrift besteht aus Zeichnungen und
schlug sie auf – und es stimmte. Die 7. Ausgabe der „Nunca,
nunca“ hatte ein großzügiges Design mit elegante langen Strichen
und Farbflächen. Mein Freund drückte der Verkäuferin schon das Geld in die Hand.
Anderthalb Jahre später, 2000, – ich
kam gerade aus Zivals, Corrientes und Callao, hatte dort Bücher
gekauft, unter anderem den Gedichtband „Alga“ von Gabriela
Bejerman – die Herausgeber neben Gary Pimiento besagter Zeitschrift
– traf ich mich mit einem Freund aus Liniers in dem traditionellen
spanischen Café La Girarlda auf der Corrientes. Am Nachbartisch saß
… Gabriela Bejerman, wie mir irgendwann auffiel. Ich kommentierte
dies dem Freund aus Liniers und erzählte, dass ich gerade ein Buch
von ihr gekauft hatte. Er forderte mich heraus – lachend wie es
seine Art war. Hey, du traust dich sicher nicht, sie um eine Widmung
zu bitten. Irgendwann war mir seine Aufzieherei genug und ich trat
etwas schüchtern an ihren Tisch. „Du wirst mich nicht kennen, aber
du hast einem deutschen Freund von mir mal deine Zeitschrift verkauft
und ich habe heute zufällig ein Buch von dir gekauft …“ Wir
sprachen ein wenig über die Zeitschrift, eine weitere Nummer sei in
Planung. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihr sagte, dass ich auch
Gedichte schrieb. Bring mir nächste Woche welche mit, sagte sie
jedenfalls und: „Gleiche Tag, gleicher Ort!“
Eine Woche später ließ sie mich die
Gedichte nicht einmal auspacken. Komm mit, ich muss dir jemanden
vorstellen, nahm mich mit nach draußen, wo ihr Auto geparkt war,
irgendwas zwischen Ente und Mini (hier trügt die Erinnerung ganz
sicher). Wir stiegen ein und fuhren los. Sie zündete einen Joint an,
Gras aus Paraguay, erklärte sie. Die Corrientes entlang waren wir in
wenigen Minuten in Almagro, ungefähr auf Höhe der Plaza bog sie ab,
nach rechts. Wir parkten neben einem Ladenlokal an der
Oktaederförmigen Straßenkreuzung: Die Galerie Belleza y Felicidad,
von der ich bis dahin nichts gehört hatte. Gabriela trat vor mir
ein, mehrere Menschen (darunter Washington Cucurto, der einzige, den
ich kannte) blickten mir erwartungsvoll ins Gesicht. Gabriela sagte:
„Ich habe euch Timo Berger mitgebracht. Er wird ja heute hier seine
Gedichte lesen ...“ Mir verschlug es die Sprache.
Nach der Lesung (Cucurto hatte mich ein
wenig beruhigt) aus Anlass einer Vernissage, lernte ich Cecilia Pavón
kennen, die zusammen mit Fernanda Laguna die Galerie leitete. Sie
hatte, wie ich nun erfuhr, Gedichte von mir gelesen. Wer allerdings
auf die Idee gekommen war, mich (im Rückblick gesehen) derart
charmant in die Galerie zu locken, weiß ich bis heute nicht. In der
„Nunca, nunca quisiera irme a casa“, erschienen die
Gedichte, die ich Gabriela mitbrachte, jedenfalls nie. Dafür
veröffentlichte Cecilia später ein paar meine Texte in einer
Zeitschrift und in fotokopierten und von Hand zusammengetackterten Heften, die sie in den Ediciones Belleza y
Felicidad herausgab. Als sich die Wirtschafts- und Währungskrise
2002 verschlimmerte, zog Cecilia für einige Zeit nach Berlin. Sie
schrieb ein Langgedicht über ein von ihr auf dem Flohmarkt
erstandenes gestohlenes Fahrrad, mit dem sie durch Berlin fuhr,
zusammen schrieben wir vierhändig Gedichte „No me importa el amor,
me importa la plata“ und ich eine Erzählung mit dem Titel
„Moldawien“. Das ist viele Jahre her. Vor ein paar Tagen stolperte ich im Netz über ein
Gedicht von ihr, das nun folgt:
Mi vida es sencilla,
está hecha de
1) un niño
2) un jardín
3) un circulo de sillas donde se reúne
la gente a hablar.
4) un departamento proletario en un
barrio proletario
5) una heladera que enfría mal
A la mañana, después de dejar a mi
hijo en la escuela, leo la revista GENTE que habla de la farándula
local tomando café de mala calidad en bares del barrio de Once.
Pero mi vida me encanta y mis ojos
están llenos del sol del salvaje tercer mundo,
Creo en lo antiguo y en el drama, por
eso lloro tanto, y a veces cuando paso por la Iglesia de San Expedito
prendo una vela verde y roja y pido algo, el otro día pedí paz,
una vez hace tres años pedí claridad
Estaba de novia con un crítico de arte
que me dejó, aunque en realidad no era un novio sino un psicópata.
Todos los días paso frente a un
mercado abandonado lleno de ratas donde está sentada una prostituta
y pienso que soy igual a ella.
En la iglesia de San Expedito hay una
gran mesa de metal llena de velas encendidas,
cuando las miro,
pienso en el infierno.
Pero mi vida mi encanta y hoy, a la
tarde, estaba segura de que este libro era un elixir
Jun 12th, 2015
Mein Leben ist einfach,
es besteht aus
1) einem Kind
2) einem Garten
3) einem Stuhlkreis, in dem man sich
trifft, um sich unterhalten.
4) einer proletarischen Wohnung in
einem proletarischen Viertel
5) einem Kühlschrank, der nicht
richtig kühlt
Morgens nachdem ich meinen Sohn in die
Schule gebracht habe, lese ich die Zeitschrift GENTE, über die
lokale Schickeria, die in Bars in Once schlecht gebrühten Kaffee
trinkt.
Aber mein Leben erfreut mich und meine
Augen sind voll mit der Sonne der wilden Dritten Welt,
ich glaube an das Antike und an das
Drama, deswegen weine ich so viel, und manchmal, wenn ich an der San
Expedito-Kirche vorbeikomme, zünde ich eine grün-rote Kerze an und
mache eine Fürbitte, neulich bat ich um Frieden,
einmal, vor drei Jahren, bat ich um
Klarheit.
Ich hatte einen Freund, der
Kunstkritiker war, der mich verließ, obwohl er eigentlich gar kein
richtiger Freund war, sondern ein Psychopath.
Jeden Tag komme ich an einem
verlassenen Markt voller Ratten vorbei, wo eine Prostituierte sitzt,
und ich denke, ich bin genau wie sie.
Ein
großer Metalltisch voll mit brennenden Kerzen steht in der San-Epedito-Kirche,
wenn ich sie betrachte,
denke ich an die Hölle.
Aber mein Leben erfreut mich und heute
Nachmittag war ich mir sicher, dass dieses Buch ein Elixir ist.
12. Juni 2015
Cecilia Pavón, geboren 1973 in
Mendoza, gründete 1999 mit Fernanda Laguna Belleza y Felicidad
(ByF), Geschenkladen, Galerie und Verlag. Sie veröffentlichte
Gedichtbände und Erzählungen, darunter: „Virgen“ (ByF), „Un
hotel con mi nombre“ (Ediciones del Diego), „Caramelos de anís“
(ByF), „Los sueños no tienen copyright“ und „27 poemas con
nombre de persona“ (Triana), sowie zusammen mit Fernanda Laguna
„Ceci y Fer“ (ByF).
Weiterlesen:
- Ehemaliger Blog von Cecilia Once Sur